Schauspiel

Mythos Wirklichkeit

Das liegt daran, dass ich einmal ein Mensch war.

Ein Doppelabend von Jonathan Heidorn und Pia Kröll

Kriemhild

Regie Pia Kröll Bühne Ken Chinea Kostüme Annabelle Gotha Musik Cornelius Rauch Dramaturgie Annika Henrich

Tabitha Frehner, Cornelius Rauch

So oder so ähnlich

Ballhof Zwei


Inhalt

Der Ballhof Zwei wird zu einem Forschungslabor, in welches sich die Regisseurin Pia Kröll und der Regisseur Jonathan Heidorn aufmachen, um in jeweils einer Inszenierung die Mythen unserer Gegenwart und ihre Wirklichkeitstauglichkeit zu befragen.
Pia Kröll befasst sich mit der Figur Kriemhild aus dem Nibelungenlied, der Sagengestalt schlechthin, welche zugleich mehrere Mythen des Weiblichen in sich vereint: schöne und begehrenswerte Königstochter einerseits, Rachegöttin andererseits. Wie wirken diese Narrative aus uralter Zeit in uns fort, und was erzählen sie über Gerechtigkeit, Recht und die Grenzen des Verwundbaren?
Jonathan Heidorn befasst sich mit Erzählstrategien unserer Gegenwart und ihrem Verhältnis zu Wahrheit und Wirklichkeit. In einer überkomplexen und vielschichtigen Welt gibt es die große Sehnsucht nach Vereinfachung, nach eindeutigen Bildern und Erzählungen. Die Grenze von Lüge und Wahrheit verschwimmt zugunsten einer Mythologisierung der Gegenwart. Ist die Wahrheitssuche immer höchstes Gut und moralische Verpflichtung oder braucht die Welt auch neue Lügen?
Pia Kröll, aufgewachsen in der Nibelungenstadt Plattling, studierte an der Universität Hildesheim. Seit der Spielzeit 2019/20 ist sie Regieassistentin am Schauspiel Hannover. Jonathan Heidorn, ebenfalls Regieassistent am Schauspiel Hannover, arbeitete nach dem Abitur ein Jahr beim BAT Centre in Durban; 2016 begann er sein Regiestudium am Mozarteum Salzburg.

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Kriemhild
frei nach Hebbel und der Nibelungensage
Kriemhild entscheidet sich ganz oder gar nicht für etwas und was sie will, das will sie unbedingt: Weil Liebe „kurze Lust und langes Leid“ bringt, schwört die Königsschwester, niemals zu lieben. Doch das gilt nur, bis Siegfried, der legendäre Drachentöter am Hofe von Burgund erscheint. Nun ist es dieser oder keiner. Siegfried, in ein diplomatisches Bündnis mit Burgund verstrickt, hilft König Gunther noch schnell bei dessen Brautwerbung um die Walküre Brunhild und die Doppelhochzeit ist perfekt. Doch als ein unangenehmes Geheimnis ans Licht zu kommen droht, da landet Hagens Speer in Siegfrieds Rücken. Kriemhild, des Geliebten beraubt, fordert Gericht. Doch ihre Klage gegen den einflussreichen Onkel und guten Freund der Familie bleibt unerhört, das Männerbündnis schützt den Mörder, der Schuldige bleibt frei. Unbeirrt und unerbittlich fordert Kriemhild Gerechtigkeit. Weil ihr diese verwehrt bleibt, wächst leise und stetig der Wunsch nach Rache, der sie schließlich zum Äußersten führt.
Kriemhild, als Sagengestalt dem Kosmos der Nibelungen entsprungen, vereint gleich zwei Mythen des Weiblichen in sich: Sie ist tugendhafte Prinzessin und dämonische Rachegöttin. Aber wo zwischen diesen beiden Polen steht die Wirklichkeit, in der man leben könnte? Die Inszenierung stellt die Schwester des Königs, Witwe des Helden, Ehefrau des Hunnenherrschers alleine ins Zentrum der Geschichte und betrachtet die Welt aus ihrer Sicht. Was tun, wenn das Unrecht offenbar ist und zu keiner Strafe führt? Und wie weit soll man gehen für das Ziel der Vergeltung?

So oder so ähnlich
von Jonathan Heidorn
Erzählstrategien der Gegenwart wirken auf uns, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind. „Authentizität“ ist dabei ein Begriff, der heute wichtiger scheint denn je: Eindeutig lesbar zu sein wird als Tugend angesehen, Ambivalenz und Vieldeutigkeit hingegen empfinden wir meist als unangenehm. Die Medien stellen weiterhin unsere Verbindung mit einer vieldeutigen, überkomplexen Welt dar, denn jenes, was wir selbst nicht erleben können, wird uns berichtet und gedeutet, in Schrift, Wort und Bild. Wir vertrauen diesen Berichten und formen unsere Vorstellung der Welt nach ihnen. Journalist*innen genießen dabei ein besonderes Vertrauen, gelten als Boten der Wirklichkeit und nicht als Geschichtenerzähler. Und dennoch scheint es, als müsse man der Wahrheit in der Erzählung manchmal etwas Lüge beimischen, damit sie wahrscheinlich wird. Fälle wie die des ehemaligen Spiegel- Reporters Claas Relotius, der über Jahre hinweg Reportagen teilweise oder gänzlich erfand und verfälschte, lassen uns unseren Anspruch an die Wahrheit überdenken. Warum wollen wir unbedingt Geschichten glauben, die zu schön sind, um wahr zu sein und warum bevorzugen wir einfache Antworten auf komplexe Fragen des menschlichen Handelns? In So oder so ähnlich soll ein Lob auf die Vieldeutigkeit und Vielschichtigkeit unserer Realität der Sehnsucht nach einfachen Geschichten, nach klaren Positionen, gegenübergestellt werden. Wir setzen die Lupe an und lesen zwischen den Zeilen, um besser zu verstehen, wie die Welt, in Wort und Bild gesetzt, für uns erst zur Wirklichkeit wird.