Archiv des Theatermuseums

Das Archiv des Theatermuseums

 

"Die Problematik oder Schwierigkeit für die Methodik der Theaterwissenschaft beginnen bereits, wenn es ganz einfach um die Beschaffung des Arbeits-Materials geht. Der Literaturhistoriker greift ins Regal und entnimmt ihm die Bände Georg Büchner, Kleist, Hofmannsthal und kann die Arbeit beginnen. Die Theaterwissenschaft steht vor der schlichten Erkenntnis und Tatsache, daß das Theater eine transitorische Kunst ist, bei der, nach Beendigung des Theatervorganges, der Theateraufführung, nichts greifbar zurückbleibt (...) das Prinzip unserer Wissenschaft heißt: Rekonstruktion."

 

Wie schwierig und mühsam es sein kann, Quellenmaterial zur Theatergeschichte zu erreichen, wird jeder ermessen können, der sich einmal bemüht hat, Programmhefte, Rezensionen und Fotografien von Inszenierungen zusammenzutragen, die nicht mehr auf dem Spielplan stehen. Dank eines neuen Bewußtseins für die Wichtigkeit von Quellenmaterial zur Erforschung der Theatergeschichte, ist es in den letzten Jahrzehnten durch erweiterte Sammlungstätigkeiten in zahlreichen Instituten und daraus resultierenden Publikationen versucht worden, diese Situation zu verbessern. Während die Theaterarchive etwa in Hamburg, Köln oder München bemüht sind, Unterlagen zum Theater aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland zu sammeln, konzentrieren sich die Bestände des Theatermuseums Hannover inhaltlich auf Aufführungen der Landeshauptstadt Niedersachsen, genauer: auf die Spielstätten der derzeitigen Staatstheater Hannover (Opernhaus, Schauspielhaus und Ballhof), sowie deren Vorläuferinstitute. Material zu Aufführungen anderer Bühnen in Hannover oder von auswärtigen Spielstätten sind zwar zum Teil einzeln vorhanden, werden aber nicht systematisch gesammelt.

Mit dieser Konzentration unserer Sammlungstätigkeit wollen wir versuchen, das Material zu einzelnen Aufführungen stärker zu vertiefen und zu gewichten (zum Beispiel durch Probennotate oder -fotos), um so eine spätere 'Rekonstruktion' einer Inszenierung, wie es einer der Väter der Theaterwissenschaft, Hans Knudsen, nannte, zu ermöglichen und wesentlich zu erleichtern.

Das Material setzt sich für die Sparten Oper, Schauspiel, Ballett und Konzert im Wesentlichen zusammen aus:

 

a) Programmhefte bzw. -zettel

b) Rollen- und Szenenfotos bzw. Dias

c) Rezensionen

d) Bühnenbildmodelle

e) Figurinen

 

Der Krieg hat in allen Bereichen Lücken hinterlassen, die durch Ankauf oder Schenkungen in den letzten Jahren erst teilweise geschlossen werden konnte. Fast komplett erhalten geblieben sind Theaterzettel aus dem Zeitraum von 1785 bis 1796 sowie - mit Unterbrechungen - von 1876 bis heute. Der Bestand der Programmhefte geht etwa bis in die zwanziger Jahre zurück. Die Sammlung von Szenen- und Rollenfotos beginnt eigentlich erst in den zwanziger Jahren. Vereinzelt sind Zivil- und Rollenfotos von Sängern, Schauspielern und Tänzern aus früheren Jahren erhalten. Durch den Erwerb des Nachlasses des Hannoveraner Fotografen Kurt Julius sind nun auch die Jahre zwischen 1951 und 1979 fast lückenlos belegbar. Dies gilt auch für die Zeit nach 1980.
Der Benutzer findet im Theaterarchiv auch eine kleine Sammlung von Rezensionen sowohl zu einzelnen Opern-, Schauspiel- und Ballettaufführungen, sowie Konzerten, als auch zu allgemein theaterspezifischen Themen. Eine intensive Dokumention der Aufführungen der Niedersächsischen Staatstheater anhand lokaler und überregionaler Presse beginnt 1983.
Bühnenbildmodelle und Figurinen sind erst vereinzelt aus den siebziger und achtziger Jahren vorhanden. Ausnahmen bilden Figurinen von Kurt Söhnlein. In jüngster Zeit kommen Bühnenbildmodelle und Figurinen nach Ablauf einer Produktion regelmäßig in unser Archiv.
Als Handapparat und für die Beantwortung von Anfragen steht eine kleine Bibliothek zu den Bereichen Oper, Schauspiel, Ballett, Konzert und zur Landesgeschichte zur Verfügung, sowie biographische Nachschlagewerke.

 

Die räumliche und geistige Nähe des Theatermuseums zu den Produktionen des Hauses ermöglicht seit der Spielzeit 1993/94 eine neue Dokumentationsform, die im Idealfall für jede Inszenierung folgende Aspekte beinhaltet:

 

a. Material zu Autor und Stück, das vom Regieteam benutzt wurde

b. Konzepte zur Regie

c. Konzepte zum Bühnenbild und zu den Kostümen (einschließlich Entwürfe)

d. Probennotate

e. Spielfassung (Text- bzw. Notenbuch)

f. Probenfotos

g. Video- und/oder Tonmitschnitte der Proben bzw. der Aufführung

h. Programmheft, Plakat, Werbemittel

i. Rezensionen

j. Zuschauerbriefe und andere Wirkungsbelege

k. Vergleichbares Material bei ''Wiederaufnahme''

l. Bei Oper: Notenautographen/Skizzen

 

Als wichtige Dokumente zur Klärung biographischer Fragen stehen die Personalakten der ehemaligen Mitglieder des Hauses zur Verfügung, die allerdings für Benutzer nur beschränkt einsehbar sind.
Natürlich kann hier nur ein erster Überblick über die 'Schätze' des Theaterarchivs gegeben werden. Genannt seien aber noch einige Kuriositäten, die wir von Hannoveraner Theaterfreunden als Schenkung und aus Nachlässen erhalten haben. Diese sind in ihrem dokumentarischen und privatem Charakter für die Sammlung von unschätzbarem Wert: Poesiealben mit eingeklebten Photographien von Lieblingsschauspielern oder -sängern, signierte Sammlerpostkarten, Rezensionen mit handschriftlichen Kommentaren, Sammlungen von Eintrittskarten und vieles Interessante mehr.

Zur 'Rekonstruktion' zahlreicher Aufführungen vor allem aus den zwanziger und dreißiger Jahren wünschen wir uns den Kontakt zu Theaterbesuchern, die diese Aufführungen noch miterlebt haben. Gerade diese Zeitzeugen sind zur Datierung und Aufklärung von Szenen- und Rollenphotos aus unserer Sammlung, die bisher nicht eingeordnet werden konnten, sehr wichtig.

 

Die Benutzung des Archivs ist nach voriger Anmeldung möglich, 

Tel.: 0511/ 9999-2040.