Sammlung Yvonne Georgi

Sammlung

Yvonne Georgi

im theatermuseumhannover

 

Das Theatermuseum Hannover besitzt einen Teil des Nachlasses der Tänzerin und Choreografin Yvonne Georgi (1903-1975). Das Konvolut besteht zum größten Teil aus Fotos, Programmheften, Theaterzetteln, Rezensionen, Briefen, persönliche Zeugnissen und Kostümen. Besonders bedeutsam sind 13 großformatige Bände, in die Yvonne Georgi und ihr Mann alle verfügbaren Rezensionen, Einladungen, Zeitungsfotos, Theaterzettel und Programmhefte usw. eingeklebt haben. Die Belege beginnen mit ihrem ersten Auftritt am 9. Mai 1920 und enden im Jahr 1943. Außerdem befinden sich im Nachlass zwei Mappen mit aufgeklebten Fotos vor allem aus den 1920er und 1930er Jahren. Im Opernhaus hängen noch etwa 20 Original-Kostüme aus dem Besitz von Yvonne Georgi.

Es ist im Nachhinein nicht immer möglich, die Tanzfotografien zu datieren oder den entsprechenden Partien zuzuordnen. Das gilt z.B. auch für die Kostüme. Zum Teil hat Yvonne Georgi ihre Kostüme zu verschiedenen Choreografien und Stücken eingesetzt.

Der Teilnachlass von Yvonne Georgi hat das Theatermuseum vor etwa 15 Jahren von der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover erhalten.

 

Der Bestand:

 

- Personalakte

- Szenenfotos

- Rezensionen, Programme 1920-1924

- Rezensionen, Programme 1925-1930

- Rezensionen, Programme 1931-34

- Rezensionen, Programme 1935-36

- Rezensionen, Programme 1936/37

- Rezensionen, Programme 1937/38

- Rezensionen, Programme 1938/39

- Rezensionen, Programme 1940/41

- Rezensionen, Programme 1942-44

- Noten

- Rollenfotos

- Briefe/handschriftlich

- Briefe/Schreibmaschine

- Yvonne Georgi als Lehrerin

- Rezensionen/Zeitungsausschnitte

- Verschiedenes: Fotos/Programmhefte/Ausschnitte

- Harald Kreuzberg (mit Yvonne Georgi)

- 2 Großmappen mit aufgeklebten Fotos nach Aufführungen

  (1920er und 1930er Jahre)

 

 

Das Theatermuseum besitzt darüber hinaus weitere Dokumente zum Thema Tanz und Ballett. Für Recherchen können die nach Spielzeiten sortierten Programmhefte eingesehen oder das Kritikenarchiv befragt werden.

Außerdem gibt es ein Verzeichnis der künstlerischen Personalakten, das bereits im 19. Jahrhundert beginnt. Die Akten sind erfasst und befinden sich zur Einsicht im Hauptstaatsarchiv Hannover.

 

 

Publikation:

 

Prinzenstraße. Hannoversche Hefte zur Theatergeschichte

Doppelheft 15: Die Tänzerin und Choreographin Yvonne Georgi (1903-1975). Eine Recherche. Herausgegeben von Brigitta Weber. 176 Seiten. 176 Abbildungen und ein Telegramm als Beilage. 13 Euro. ISBN 978-3-931266-14-1.

Dr. Brigitta Weber hat sich über ein Jahr lang mit ihrer Abiturientenklasse am Gymnasium Langenhagen dem Thema »Yvonne Georgi« gestellt. Herausgekommen ist ein erstes, neues und facettenreiches Porträt der Tänzerin und Choreographin. Das Heft beginnt mit einem Porträt von Mary Wigman, der für Yvonne Georgis Entwicklung so entscheidenden Lehrerin und zeigt dann in drei großen Abschnitten mit zahlreichen unveröffentlichten Dokumenten ihren künstlerischen Werdegang.

 

YVONNE GEORGI  -  Zeittafel

 

1903

Am 29. Oktober wird Yvonne Georgi in Leipzig geboren. Der Vater, ein angesehener Arzt, stammt aus Oldenburg, die Mutter kommt aus Algier.

 

1920

Anläßlich einer Pantomimenaufführung bei Arthur Nikisch entscheidet sich Yvonne

Georgi, ihre Ausbildung zur Bibliothekarin abzubrechen. Sie beginnt mit einer

Tanzausbildung an der Dalcroze-Schule in Hellerau.

 

1921

Eintritt in die Mary-Wigman-Schule in Dresden. Als Mitglied der

Wigman-Gruppe Gastspiele in fast allen größeren deutschen Städten.

 

1923

Am 20. Februar erster Solo-Tanzabend in Leipzig. Duoabende mit

Gret Palucca.

 

1924

Mitwirkung bei der Uraufführung des »Persischen Balletts« (Egon Wellesz) bei den

Donaueschinger Musiktagen. Im Herbst Engagement als Solotänzerin an das Theater in Münster (Leitung: Kurt Jooss). Eigene Solo-Tanzabende.

 

1925

Zur Spielzeit 1925/26 geht Yvonne Georgi als Leiterin der Tanzgruppe an das Reußische Theater nach Gera (Intendant: Walter Bruno Iltz).

 

1926

Zur Spielzeit 1926/27 wechselt sie mit ihrem Partner Julian Algo an die

Städtischen Bühnen nach Hannover (Intendant: Rudolf Krasselt).

Eröffnung einer eigenen Tanzschule in der Bandelstraße. Gemeinsame Tanzabende

mit Harald Kreutzberg in Hannover und Berlin.

1927

Kreutzberg gibt sein Engagement in Berlin auf und kommt als Solotänzer nach Hannover. Beginn der Tourneen Georgi-Kreutzberg, Gastspiele der hannoverschen Tanztruppe in Berlin, Danzig und Königsberg.

 

1928

Yvonne Georgi übernimmt die Oberleitung über das Braunschweiger

Ballett am Landestheater.

 

1929/30

Drei Amerika-Tourneen Georgi-Kreutzberg.

 

1931

Georgi-Kreutzberg-Gastspiel an der Berliner Staatsoper, Abschieds-vorstellung in

Hannover und Übersiedlung nach Amsterdam.

 

1932

Yvonne Georgi heiratet L.M.G. Arntzenius. Erste Tanzabende in Holland, Rückkehr mit einem Halbjahresvertrag als Ballettmeisterin nach

Hannover (bis 1935/36).

 

1935

Zunehmende Orientierung auch am klassisch-akademischen Tanz.

In Hannover bringt sie mit Victor Gsovsky »Goyescas« (Granados)

zur Uraufführung.

 

1936

Im April gibt Yvonne Georgi in Hannover ihre Abschiedsabende, bevor sie vorerst Deutschland verläßt und nach Amsterdam zieht.

 

1938

Massen-Choreographie bei der Freilichtveranstaltung im Amsterdamer Stadion zu

Ehren des 40jährigen Regierungsjubiläums von Königin

Wilhelmina.

 

Bis 1950

Vorstellungen mit einer holländischen Ballettgruppe in Amsterdam, London,

Scheveningen, Washington und New York, 1950 Dreharbeiten am Film »Ballerina«

in Paris mit Ludwig Berger (Solistin Violette Verdy).

 

1951

Im Frühjahr Rückkehr nach Deutschland als Ballettmeisterin der

Tourneetruppe »Abraxas«-Kompanie. Zur Spielzeit 1951/52 Ballett-Oberleitung

am Düsseldorfer Opernhaus (Intendant: Walter Bruno Iltz).

 

Ab 1954

Ballettmeisterin des Landestheaters Hannover (Intendant: Kurt Ehrhardt). Leiterin der Tanzabteilung der heutigen Hochschule für Musik und Theater.

Im Dezember erster hannoverscher Ballettabend nach ihrer Rückkehr.

 

1955

Erster Kammerballettabend im Ballhof (Hannover).

 

1957/58

Die Aufbauphase des hannoverschen Balletts ist abgeschlossen. In den folgenden Jahren widmet sich Yvonne Georgi neuen Ausdrucks- und Wirkungsmöglichkeiten. Ein Beispiel hierfür sind die Uraufführungen »Elektronisches Ballett« (1957) und »Evolutionen« (1958) des niederländischen Komponisten Henk Badings. Gastspiel des Hannoverschen Balletts mit vier Programmen in Monte Carlo.

 

1959

Yvonne Georgi wird zum Professor ernannt. Im Sommer Choreographien der »Königlichen Spiele« während der allsommerlichen Veranstaltungsreihe »Musik und Theater in Herrenhausen«. Zusammen mit ihrem Mann baut sie sich ein Haus in Herrenhausen, das künstlerischer Treffpunkt wird.

 

1960

Gastspiel des Hannoverschen Balletts in Rom.

 

1961

Choreographische Uraufführung von Arnold Schönbergs »Fünf Orchesterstücken«

(Opus 16) unter dem Titel »Prisma«.

In Wien Fernsehaufzeichnung von »Glück, Tod und Traum«

(Gottfried von Einem) und von »Evolutionen« (Henk Badings).

 

1962

Zu Strawinskys 80. Geburtstag inszeniert sie »Apollon Musagète« an

der Wiener Staatsoper.

 

1965

Uraufführung »Der Golem« von Francis Burt.

 

1968

Yvonne Georgi choreographiert die Blumenmädchenszene in Wieland Wagners

»Parsifal«-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen.

 

1970

Uraufführung »Klein Zack« von Nikolai Karetnikow. Yvonne Georgi wird das »Große Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens« verliehen.

 

1974

In Anerkennung ihrer hervorragenden Verdienste für das Land

Niedersachsen erhält sie im Mai die »Niedersächsische Landesmedaille«.

 

1975

Am 25. Januar stirbt Yvonne Georgi nach schwerer Krankheit in Hannover.

 

 

Yvonne Georgi – Eine Revolutionärin im Deutschen Tanz

 

Weltberühmt wird sie wegen ihres komödiantischen Tanztalents, ihrer Leichtigkeit und ihrer außergewöhnlichen Sprungkraft. Die »Hochtänzerin« Yvonne Georgi ist eine der wenigen modernen Tänzerinnen, die mit ihrer Kunst ein großes internationales Publikum sowohl in den für den Ausdruckstanz »goldenen« 1920er Jahren, als auch als Choreographin in den 1950er und 1960er Jahren begeistern kann. Dabei entdeckt sie als Jugendliche das Tanzen für sich nur so nebenbei, als zufälligen Spaß. Am 23. Oktober 1903 kommt sie in Leipzig als Tochter einer französischen Mutter aus Algerien und ihres zwanzig Jahre älteren Ehemanns, des deutschen Arztes Dr. Georgi, zur Welt. Sie soll nach ihrem Schulabschluss 1920 eigentlich in ihrer Heimatstadt an der Deutschen Bücherei Bibliothekarin werden und beginnt auf Wunsch ihrer Eltern mit dieser Ausbildung. Dass sie aber auch eine große Tanzbegabung ist, zeigt sich, als sie mit ihrer Freundin Käthe Niekisch – Tochter des Dirigenten Arthur Niekisch – gemeinsam eine Pantomimeaufführung in deren Elternhaus inszeniert. Hier offenbart sich ihr darstellerisches Talent so überdeutlich, dass sich eine solide Tanzausbildung für sie geradezu aufdrängt. Neben ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin besucht sie fortan also auch Kurse in rhythmischer Gymnastik an der Leipziger Schule von Agathe Schlesinger und nimmt nur wenige Wochen später an einer Art Talentwettbewerb für den künstlerischen Nachwuchs bei den »Bunten Nachmittagen für die Jugend« teil. Das Publikum ist von ihr begeistert.

Als das junge Mädchen im November des gleichen Jahres das erste Mal einen Tanzabend von Mary Wigman erlebt, weiß sie, dass ihr Leben dem Tanz gehört. Sie beschließt, ihre Ausbildung an der Deutschen Bücherei abzubrechen und stattdessen nach Hellerau an die Schule von Emile Dalcroze zu gehen. Die rhythmische Gymnastik von Dalcroze ist ihr jedoch nicht tänzerisch genug, so dass sie gleich zu Beginn des Jahres 1921 nach Dresden an die Schule von Mary Wigman wechselt. Die zweifelt nicht eine Sekunde an Georgis Talent, ernennt sie nach wenigen Monaten zu ihrer Meisterschülerin und nimmt sie als festes Mitglied in ihre Tanzgruppe auf. In dieser Position darf Yvonne Georgi ab September 1921 an den Gastspielreisen der Gruppe durch viele größere und große Städte in Deutschland teilnehmen.

Im Februar 1923, noch keine zwanzig Jahre alt, startet sie ihre Karriere als Solotänzerin. Sie gibt ihren ersten Tanzabend im Städtischen Kaufhaus in Leipzig und begeistert Publikum und Presse mit ihrer Eigenwilligkeit und ihrer »ungewöhnlichen Triebhaftigkeit« als »wahrhafte Tänzerin«. Schon im Herbst 1923 unternimmt sie mit Gret Palucca – einer der anderen Meisterschülerinnen von Mary Wigman – einen Soloabend in Berlin. Die beiden sind auf Anhieb so erfolgreich, dass sie eine Weile gemeinsam in den Städten solistisch gastieren, in denen sie schon zuvor als Mitglieder der Tanzgruppe von Mary Wigman aufgetreten sind. Über Wochen und Monate steht Yvonne Georgi Abend für Abend nicht nur als Gruppentänzerin, sondern immer öfter als Solotänzerin auf der Bühne. Gemeinsam mit den damaligen Musikstudenten Alfred Schlee und Fritz Cohen tourt sie durch das unter der galoppierenden Inflation leidende Deutschland. Alfred Schlee und Fritz Cohen begleiten die Choreographien von Yvonne Georgi entweder auf dem Klavier oder mit dem Schlagwerk. Beide begeistern sich genau wie die Tänzerin für die musikalische Moderne und präsentieren als Korrepetitoren die bislang ungewohnten Stücke von Ernst Krenek, Bela Bartok oder Francis Poulenc einem begeisterten Publikum. Fritz Cohen komponiert wenig später selbst u. a. die Musik zu Kurt Jooss’ Choreographie »Der grüne Tisch«, und Alfred Schlee wird einige Jahre später Direktor des auf zeitgenössische Kompositionen spezialisierten Musikverlages Universal-Edition in Wien.

Die Solokarriere von Yvonne Georgi lässt sich auf die Dauer nicht mit den Proben und Aufführungen der Tanzgruppe von Mary Wigman vereinbaren. Sie beendet deshalb 1923 dort ihre Mitgliedschaft. Als sie 1924 aus purem Vergnügen auch im Leipziger Kabarett »Retorte« mitwirkt und beim Pressefest im Leipziger Zoo »eine Orgie dämonischer Verwirrung« tanzt, wird Kurt Jooss auf sie aufmerksam. Er bittet sie zunächst, für das »Persische Ballett« von Egon Wellesz die weibliche Hauptrolle zu übernehmen; die männliche Hauptrolle tanzt Harald Kreutzberg, der zu diesem Zeitpunkt als Star-Solotänzer an der Berliner Staatsoper fest engagiert ist. Das Ballett wird im Sommer 1924 beim Kammermusikfest in Donaueschingen uraufgeführt und ist außerordentlich erfolgreich. Hier lernt Yvonne Georgi auch den Komponisten Paul Hindemith kennen, mit dem sie nicht nur eine lebenslange Freundschaft verbindet, sondern dessen Musik sie jahrzehntelang insbesondere für ihre größeren Choreographien nutzt.

 

Nach dem Erfolg in Donaueschingen verpflichtet Kurt Jooss Yvonne Georgi für die Spielzeit 1924/25 als Solotänzerin ans Theater der Stadt Münster. Jooss hat dort gemeinsam mit dem Intendanten Hanns Niedecken-Gebhardt, dem Musikdirektor Rudolf Schulze-Dornburg, dem Musiker Fritz Cohen, dem Laban-Schüler Sigurd Leeder und dem Bühnen- und Kostümbildner Hein Heckroth »Die Neue Tanzbühne« ins Leben gerufen und schafft es innerhalb einer einzigen Spielzeit, seine Münsteraner Tanzgruppe mit ihren modernen Stücken in ganz Deutschland bekannt zu machen. Für Yvonne Georgi ist dieses Engagement der Türöffner für ihren nächsten Karriereschritt: Sie wird in der Spielzeit 1925/26 mit noch nicht einmal 22 Jahren am Reußischen Theater in Gera Leiterin der Tanzgruppe. Außerhalb Geras macht sie mit ihrem modernen, witzigen Tanztheater Furore. Sie zeigt u. a. solistische Szenen wie »Arabische Suite« zu Musik des zeitgenössischen Komponisten Felix Petyrek oder die als Gruppenstück eingerichteten Brasilianischen Tänze »Saudades do Brazil«, die Darius Milhaud 1920 für Klavier komponiert hatte. Ihre lebendigen Choreographien werden nach Leipzig und Berlin eingeladen: Dort sind Publikum und Presse von ihrer Komik und Leichtigkeit tief beeindruckt. Nur das Publikum in Gera ist verwirrt über die ungewohnte Heiterkeit im modernen deutschen Tanz. Es bleibt den Vorstellungen fern. »Wegen mangelnden Interesses des Publikums« erhält ihre gesamte Geraer Tanztruppe zum Ende der Spielzeit 1926 ihre Kündigung.

Yvonne Georgi ficht das nicht an. Sie wird sofort als Tanzmeisterin an die Städtischen Bühnen Hannover engagiert und nimmt ihre Partner aus Gera gleich dorthin mit. Sie weiß, was sie an ihnen hat und revolutioniert ab sofort zehn Jahre lang den Bühnentanz in Hannover. Es gelingt ihr damals schon, mit den Tänzern eine Synthese aus klassischem Ballett und modernem Tanz zu schaffen. Sie richtet im Oktober 1926 in Hannover eine eigene Tanzschule ein, in der sie neben Laien vor allem professionellen Tänzern eine umfassende Ausbildung bietet, die sowohl der klassischen als auch den modernen Tanztechniken gerecht wird. Damit sorgt sie auch dafür, dass für ihre eigene Kompanie gut qualifizierter Nachwuchs bereit steht.

Im Dezember 1926 präsentiert sie ihren ersten Kammertanzabend in Hannover mit der Aufführung der beiden Strawinsky-Ballette »Pulcinella« und »Petruschka«. Auch dieser Abend wird ein außerordentlicher Erfolg. Für die männliche Hauptrolle in »Petruschka« hat Yvonne Georgi ihren Partner aus Donaueschingen, Harald Kreutzberg, als Gast an ihr Haus geholt. Die beiden Künstler entwickeln im Laufe der nächsten Monate in ihrer choreographischen Zusammenarbeit an »Don Morte«, »Das seltsame Haus« und »Baby in the Bar« ein so enges Miteinander, dass sie bald davon überzeugt sind, ohne den anderen nicht existieren zu können. Sie werden eines der weltweit erfolgreichsten Tanzpaare, das auch in den USA Furore macht. Das Publikum ist fasziniert von ihrer hervorragenden Tanztechnik, ihrem Witz, ihrer Ironie und ihrer Originalität, ihren Kostümen und ihren Bühnenbildern. Jede Vorstellung der beiden ist ausverkauft. Sie sorgen immer wieder für Irritation durch ihr Spiel mit den Geschlechterrollen. Kreutzberg gilt als sehr männlicher und starker Tänzer, der aber durchaus feminine, zierliche Gesten und Bewegungen, ja geradezu zarte Innigkeit überzeugend darstellen kann. Georgi wirkt dagegen oft herb und burschikos. Und so ist in den gemeinsamen Auftritten oft nicht eindeutig zu erkennen, wer nun den männlichen bzw. den weiblichen Part tanzt.

Wegen einschneidender Sparmaßnahmen an den Städtischen Bühnen in Deutschland, die oftmals zur Entlassung des gesamtes Corps de Ballets führen, müssen auch Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg in der Spielzeit 1931/1932 ihre Zusammenarbeit allmählich aufgeben. Sie veranstalten noch eine gemeinsame Abschiedstournee, ehe Georgi für ein Jahr nach Amsterdam geht, dort im Januar 1932 den Dirigenten, Musikkritiker und Chefredakteur des Feuilletons der Zeitung »De Telegraaf« Louis Marie George Arntzenius heiratet und holländische Staatsbürgerin wird. Diese Staatsbürgerschaft behält sie für den Rest ihres Lebens.

Yvonne Georgi hat in den Jahren ihrer intensiven Zusammenarbeit mit Harald Kreutzberg ihre Lehrtätigkeit an ihrer Tanzschule in Hannover beibehalten und auch weiterhin für das Ballett am Staatstheater in Hannover choreographiert. Nur als Solistin ist sie in Hannover nicht so häufig zu sehen gewesen, wie sich das Publikum dies gewünscht hätte. In Amsterdam beginnt sie jetzt, ein neues eigenes Tanzensemble aufzubauen und richtet wieder eine eigene Tanzschule ein. Ihren engen Kontakt zur Tanzszene nach Hannover behält sie indes bei und bittet auch einige Tänzer aus ihrer Hannoverschen Kompanie als Gäste bei ihren Tanzabenden in Holland mitzuwirken. Ihr Ehemann übernimmt die musikalische Leitung der neuen Tanzgruppe und begleitet auch deren Tourneen.

Erst als Yvonne Georgi nur noch sporadisch und dazu nicht auf der Bühne, sondern im Theaterpublikum in Hannover zu sehen ist, begreifen die Hannoveraner, welchen Schatz sie mit ihr verloren haben. Sie bemühen sich intensiv darum, Yvonne Georgi als Ballettmeisterin an ihr Theater zurück zu holen und sind erfolgreich. Ab Herbst 1933 übernimmt sie für weitere drei Spielzeiten, diesmal nur mit Halbjahresverträgen ausgestattet, erneut die Ballettmeisterposition an den Städtischen Bühnen Hannover. Obwohl sie weiterhin auch in Holland mit holländischen Tänzern Tanzabende gibt und in Deutschland wieder zahlreiche Tourneen absolviert – allein oder mit ihren Tänzern aus Hannover – gelingt es ihr noch einmal, Hannover den Ruf einer der wichtigsten Tanzstädte in Deutschland zu geben. Ohne die Unterstützung ihres ersten Solisten und Stellvertreters Herbert Freund wäre das nicht zu schaffen gewesen, denn Georgi inszeniert zusätzlich in Amsterdam mit ihrer holländischen Kompanie moderne Ballette für die »Wagnervereinigung«, die alle Epochen der klassischen Musik fördert. Und sie reist außerdem 1935 für zwei sehr erfolgreiche Soloabende nach New York. Weiterhin beginnt sie, sich in Paris intensiv mit dem klassisch-akademischen Tanz zu befassen.

 

Während des Dritten Reichs kann Yvonne Georgi in Hannover nicht mehr Ballette zu Jazz oder den von ihr bevorzugten zeitgenössischen Komponisten choreographieren, weil deren Musik häufig als »entartet« verboten ist. Damit muss sich auch ihr choreographisches Themenspektrum in Deutschland verändern, und sie begibt sich hier jetzt auf rein klassisches Terrain. Sie choreographiert zu Musik von Bach, Mozart, Schumann oder Beethoven. Für diese am klassischen Tanz orientierten Inszenierungen holt sie sich mit Victor Gsovsky und Werner Stammer erfahrene Unterstützung von der Berliner Staatsoper nach Hannover.

1936 zieht sich Yvonne Georgi weitgehend aus Deutschland zurück. Sie versucht in Holland mit Unterstützung der »Wagnervereinigung« eine feste niederländische Ballettkompanie zu gründen. Die hatte es bisher in diesem Land nicht gegeben. Bis zur deutschen Besetzung der Niederlande 1940 gelingt es Georgi, die Existenz ihrer Kompanie durch klassische Balletteinlagen in Operninszenierungen zu sichern, darüber hinaus moderne Tanzeinlagen im Sprechtheater zu zeigen und so auch am Ende jeder Spielzeit moderne Tanzabende zu finanzieren, in denen ausschließlich ihr eigenes Ensemble mit ihren Choreographien zu sehen ist. Ab 1937 tritt diese Ballettkompanie in den Sommermonaten regelmäßig bei den Kulturveranstaltungen des Kurbades Scheveningen auf. Yvonne Georgi greift für die Aufführungen zum Teil auf Choreographien zurück, die sie in den letzten drei Jahren in Hannover geschaffen hat. Sie entwickelt aber auch neue Stücke zu Musik von holländischen Komponisten, wie Julius Röntgen, Alex Voormolen, Henk Badings u. a. Im Herbst 1937 kann sie das Musical von Franz Hals »The Laughing Cavalier« sogar in London aufführen, und ein Jahr später reist sie mit ihrer gesamten Kompanie in die USA, um Anfang 1939 in New York und Washington D. C. ihre Choreographien zu zeigen. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass das amerikanische Publikum dem modernen deutschen Tanz mit großem Interesse begegnet. Diesmal ist sie mit ihrer noch jungen Kompanie jedoch nicht erfolgreich. Nach nur zwei Vorstellungen muss sie die geplante Tournee abbrechen. Die bisherigen Einnahmen ermöglichen der Truppe ganz knapp, die Rückreise nach Europa zu bezahlen. Yvonne Georgi fängt das finanzielle Fiasko auf, indem sie gleich nach der Rückkehr im März und April 1939 mit ihrer Kompanie in Amsterdam unter dem Pseudonym »Almira-Ballett« in der Zirkus-Revue »Rhapsodie in weiß« auftritt.

Als die Deutschen 1940 Holland okkupieren, unterstellen sie sämtliche Lebensverhältnisse der NS-Verwaltung. Das bedeutet auch eine Umstrukturierung und Gleichschaltung des Kulturlebens. Die drei Theatergattungen werden zu einem gemeinschaftlichen Theaterbetrieb zusammengefasst, und Yvonne Georgi übernimmt die Leitung der Sparte Tanz. Das ist für sie eine heikle Situation. Auf der einen Seite möchte sie sehr gern das von ihr aufgebaute holländische Nationalballett weiterhin leiten, auf der anderen Seite ist sie wegen dieses Wunsches erpressbar. Sie beschließt, grundsätzlich mit ihrem Ballett nur in Holland selbst aufzutreten. Damit sind die deutschen Machthaber aber nicht einverstanden. Sie drohen, ihre männlichen Tänzer zur Zwangsarbeit zu verpflichten, wenn sie nicht mit ihrer Kompanie in Deutschland auftritt. Damit ihre Tänzer weder in den Krieg noch zu anderer Zwangsarbeit eingezogen werden, sieht sie sich gezwungen, im November 1941 in Deutschland mit ihrem Ballett acht Vorstellungen für die Publikumsorganisation »Kraft durch Freude« (KdF) zu geben. Sie rettet damit ihren männlichen Tänzern vermutlich das Leben, weil sie tatsächlich nicht eingezogen werden. Aber nach Kriegsende wird ihr wegen dieser Auftritte die Leitung ihres Balletts entzogen. In Holland ist damit ihre tänzerische Karriere beendet.

1949/50 beginnt für Yvonne Georgi ein vollkommen neuer beruflicher Lebensabschnitt. Sie choreographiert in Paris die Hauptrolle für eine junge Tänzerin im Film »Ballerina« unter der Regie von Ludwig Berger und vervollkommnet ihren eigenen Spitzentanz. Kurioserweise überzeugt die bei Mary Wigman ausgebildete moderne Tänzerin nach dem Krieg ausgerechnet mit diesen erst spät professionalisierten klassisch-akademischen Tanzqualitäten. Diese sind es auch, die ihr ein Comeback in der vollkommen veränderten Tanzszene in Deutschland ermöglichen. Das Publikum will nach den zwölf Jahren erzwungener Abstinenz von der internationalen Entwicklung im Tanz nun vor allem die klassischen Tanzkompanien aus den USA, Frankreich und Großbritannien sehen. Die meisten jungen deutschen Tänzer möchten jetzt eine fundierte klassisch-akademische Tanzausbildung bekommen und sind für die Tanzmoderne der 1920er Jahre nicht mehr zu begeistern. Yvonne Georgi aber kann beides, und zwar außergewöhnlich gut: Sie kehrt 1951 nach Deutschland zurück und übernimmt als Ballettmeisterin die Abraxas-Kompanie. Obwohl dieses am 6. Juni 1948 an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführte Faust-Ballett von Werner Egk (Choreographie: Marcel Luipart) wegen angeblichen Erregens öffentlichen Ärgernisses aus politischen Gründen nach wenigen Vorstellungen vom Spielplan abgesetzt wird, begeistert es ein Jahr später – nämlich nach seiner Berliner Aufführung im Oktober 1949 – ein großes Publikum und gehört Jahre lang zu den populärsten Balletten in Deutschland. Die Abraxas-Kompanie tourt durch das immer noch weitgehend zerstörte Deutschland und verschuldet sich auf dieser Tournee sehr hoch. Daran kann auch Yvonne Georgi nichts ändern.

Von Walter Bruno Iltz, ihrem einstigen Intendanten in Gera, erhält sie jetzt das Angebot, zur Spielzeit 1951/52 am Düsseldorfer Opernhaus die Oberleitung des Balletts zu übernehmen. Sie nimmt das Angebot an und bemüht sich drei Jahre lang, dem Düsseldorfer Publikum anspruchsvollen Tanz nahe zu bringen, indem sie u. a. in Volkshochschulen Einführungsvorträge zu ihren Choreographien hält und öffentliche Proben veranstaltet. Die Premieren ihrer Aufführungen sind stets ausverkauft und werden hoch gelobt. Aber das Publikum will das Ballett doch lieber in den zahlreichen Operetten, die auf dem Spielplan stehen, sehen. Yvonne Georgi kommt in Düsseldorf nicht weiter und verlässt das Haus 1954 wieder.

 

Sie kehrt nach Hannover zurück und wird mit offenen Armen empfangen. In dieser Stadt kann sie in aller Ruhe und mit größtmöglicher Unterstützung eine Tanzkompanie nach ihren Vorstellungen aufbauen. Sie erhält ebenfalls vertraglich zugesichert, dass sie in jeder Spielzeit zwei eigene Ballettpremieren herausbringen, außerdem einen weiteren Kammertanzabend im Schauspielhaus im Ballhof veranstalten und mit ihrem Ballett jährlich an den Sommerspielen in Hannover-Herrenhausen auftreten darf. In einer Zeit, in welcher der Tanz an den deutschen Stadttheatern höchst stiefmütterlich behandelt wird, sind das sehr großzügige Zugeständnisse. Weiterhin übernimmt Yvonne Georgi die Leitung der Tanzabteilung in der Akademie für Musik und Theater (sie wird 1959 zur Professorin ernannt) und hat damit eine stabile Basis, nicht nur eine Tanzkompanie aufzubauen, sondern dieser Kompanie auch die Möglichkeit zu geben, öffentlich und gut finanziert aufzutreten. Systematisch baut sie nun eine Tanztruppe auf, die sowohl die klassisch-akademische, als auch moderne Techniken beherrscht und beide Systeme überzeugend miteinander kombinieren kann. Mit diesem Ensemble kann sie sowohl Werke des neunzehnten Jahrhunderts aufführen, als auch den modernen Tanz der 1920er Jahre aufgreifen und erneuern. Zu den wichtigsten Choreographien dieser Jahre gehört Glück, Tod und Traum, das 1954 in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Gottfried von Einem entsteht und sich mit der Frage beschäftigt: »Was ist ein Mensch?«. Ein Jahr später thematisiert Georgi diese Frage erneut und kreiert diesmal zur Musik des Amerikaners Morton Gold die Human Variations. Revolutionär aber sind ihre drei Choreographien zu elektronischer Musik des Holländers Henk Badings. Als das Elektronische Ballett 1957 in Hannover uraufgeführt wird, ist in Deutschland elektronische Musik nahezu unbekannt. Ein Ballett nach dieser Musik auf die Bühne zu bringen, ist überaus mutig. Das Publikum ist von diesem Stück, in dem der Konflikt zwischen den gegensätzlichen Prinzipien des klassischen und des modernen Tanzes gezeigt und überwunden wird, begeistert und bekommt ein Jahr später die eher traditionelle Suite Evolutionen (erneut zu einer elektronischen Komposition von Henk Badings) präsentiert. 1960 bringt Georgi dann das viele Jahre in Hannover gespielte Stück Die Frau von Andros heraus. Als Grundlage für die Handlung dient ihr die gleichnamige Novelle von Thornton Wilder. In acht choreographischen Szenen zeigt sie aber nicht etwa ein Handlungsballett im üblichen Sinn, sondern sie lässt vielmehr in beeindruckenden Soli die innere Handlung der Hauptperson tanzen und findet auch mit diesem dritten elektronischen Ballett allergrößte Zustimmung bei Publikum und Kritik. Als im September 1964 ihr Ehemann L.M.G. Arntzenius stirbt, verliert Yvonne Georgi mit ihm auch einen Kollegen, der sie jahrzehntelang begleitet und unterstützt hat. Dennoch arbeitet sie unermüdlich weiter. Ihre eigene Kraft ist noch nicht erschöpft. Erst 1970 endet ihr festes Engagement als Choreographin am Staatstheater in Hannover. Zum Abschied erhält sie das Große Verdienstkreuz des Landes Niedersachsen. An der Hochschule für Musik und Theater in Hannover bleibt sie aber weiterhin tätig. Und auch als Choreographin übernimmt sie 1971 eine Gastverpflichtung in Buenos Aires.

1973 entwickelt sie als Gastchoreographin am Staatstheater in Hannover ihr letztes großes und sehr persönliches Werk mit dem Titel Skorpion. Dies ist das Sternzeichen, unter dem sie geboren ist. Entsprechend versucht sie, eine Choreographie zu entwickeln, in der die weibliche Hauptrolle ihre eigene starke Persönlichkeit zeigt. Sie wählt die seinerzeitige Ausnahmetänzerin Heidrun Schwaarz für die Hauptrolle aus und greift musikalisch noch einmal auf eine Komposition des Amerikaners Morton Gold zurück. Das Stück wird ein ganz großer Erfolg.

1974 erhält Yvonne Georgi für ihr innovatives Lebenswerk in Hannover die Niedersächsische Landesmedaille. Sie stirbt am 25. Januar 1975 und wird auf dem Engesohder Friedhof beigesetzt.

(Deutsches Tanzarchiv Köln)

 

 

Yvonne Georgis tanzkünstlerischer Nachlass

In den Jahren 1963 und 1964 haben Yvonne Georgi und Kurt Peters versucht, sein damals noch privates Tanzarchiv von Hamburg nach Hannover an die Staatliche Hochschule für Musik und Theater zu überführen. Verhandlungen wurden mit dem Stadtrat Heinz Lauenroth und mit dem Direktor der Hochschule, Prof. Felix Prohaska geführt (»Der war sehr ungnädig, fühlte sich übergangen. Sie kennen ja die Eitelkeiten der Männer!« Y.G. an K.P., 13.10.1963, DTK). Kurt Peters sollte als Dozent und für seine Tätigkeit als Archivar bezahlt werden (»Ich bringe also die Bibliothek und Sammlung praktisch als Morgengabe mit in die ›Ehe’, denn ich will ja nur meine Arbeitsleistung vergütet sehen.« K.P. an die Hochschule, o.D., DTK). Wegen einer erbetenen Beteiligung der Landeshauptstadt Hannover an den Umzugskosten für das Archiv scheiterte das Gesamtprojekt jedoch (Brief H. Lauenroth an K.P., 3.7.1964, DTK). 

Yvonne Georgi und Kurt Peters blieben befreundet. Viele Jahre lang wurden Anfragen Dritter nach ihrem späteren tanzkünstlerischen Nachlass mit dem Hinweis auf das Tanzarchiv von Kurt Peters beantwortet (Aussage beispielsweise von Pieter van der Sloot). Nach Yvonne Georgis Tod waren ihrem Testament jedoch keine Anordnungen zu entnehmen, die sich auf den tanzkünstlerischen Nachlass bezogen. Er blieb überwiegend in Privatbesitz. Im Zusammenhang mit einer Ausstellung und der Einrichtung einer allgemeinen musealen Dauerausstellung im Theater kam es nicht zur Weitergabe an das zudem immer noch private Tanzarchiv von Kurt Peters in Köln. Schließlich wurden verschiedene Materialien innerhalb Hannovers weitergegeben. Für die Forschung ergab sich eine für mehrere Jahrzehnte sehr unglückliche Situation. Der Teilbestand im damals personell unterbesetzten, v.a. aus dem Engagement eines Bühnenbildners entstandenen Theatermuseum Hannover war über Jahre hinweg nicht vollständig auffindbar. Anfragen an die Hochschule für Musik und Theater nach dem von Studenten im Keller der Hochschule entdeckten Teilbestand wurden nicht beantwortet (zuletzt: Schreiben an Präs. Prof. Dr. Behne vom 12.2.2000). Sehr umfangreiches Material aus unterschiedlichem Privatbesitz kam im Laufe der Jahre an das nun nicht mehr Kurt Peters privat gehörende Deutsche Tanzarchiv Köln. Später gelangte der einst an die Hochschule gegebene Archivalienbestand an das Theatermuseum im Schauspielhaus. Heute befinden sich, aus Splitternachlässen zusammengeführt, die beiden wesentlichsten Teile des tanzbezüglichen Dokumenten-Nachlasses im Deutschen Tanzarchiv Köln und im Theatermuseum Hannover.

 

Das Deutsche Tanzarchiv Köln ist ein Informations- und Forschungszentrum im Mediapark in Köln mit Archiv, Bibliothek, Videothek und Museum zur Geschichte und Gegenwart der Tanzkunst, insbesondere des Bühnentanzes.

 

Adresse: Im Mediapark 7, 50670 Köln

Öffnungszeiten: Heute geöffnet · 10:00–18:00

Telefon: 0221 88895400

 

 

 

Die Tänzerin und Choreographin

Yvonne Georgi (1903-1975). Eine Recherche

Sonderausstellung 24. September bis 6. Dezember 2009

 

Es gibt in Hannover kaum einen Namen, der so leuchtet und fasziniert wie der von Yvonne Georgi. Noch immer wird der Name der bekanntesten Schülerin von Mary Wigman mit Anerkennung und Liebe genannt.

Yvonne Georgi hat über Jahrzehnte als Tänzerin, Choreographin und Ballettmeisterin entscheidende Impulse gegeben. Zusammen mit Harald Kreutzberg begeistert sie während der 1920er und 1930er Jahre das Publikum und inspiriert junge Tänzer. Bereits 1926 kommt sie nach Hannover. Hier feiert sie als Ausdruckstänzerin große Erfolge. Nach dem Krieg kehrt sie nach Hannover zurück, um als Choreografin und Lehrerin zu arbeiten.

 

Vitrinen 1-4

Yvonne Georgi wird am 29. Oktober 1903 als Tochter eines angesehenen Arztes und seiner über zwanzig Jahre jüngeren französischen Ehefrau in Leipzig geboren.

Entdeckt wird die spätere »Jahrhunderttänzerin« nur durch Zufall bei einer Pantomimenaufführung im Haus einer Freundin. Sie ist siebzehn Jahre alt, mit der Schule gerade fertig und am Beginn ihrer Berufsausbildung als Bibliothekarin  in Leipzig.

Nebenbei beginnt sie nun ein Tanztraining. Schon bald führt sie eigene Tanzkreationen an den »bunten Nachmittagen für die Jugend« im Leipziger Kaufhaus auf.

Als Yvonne Georgi spürt, daß Tanzen für sie nicht nur ein Hobby ist, sondern ihr Lebensinhalt, bricht sie ihre Ausbildung zur Bibliothekarin ab und übersiedelt nach Hellerau an die Dalcroze-Schule. Ihre Eltern unterstützen sie zwar, sind aber wenig begeistert, besonders der Vater ist gegen eine berufliche Ausbildung zur Tänzerin. Sie bleibt nur knapp zwei Monate in Hellerau, da ihr der Unterricht zu »rhythmisch-gymnastisch« ist. Sie stellt sich bei Mary Wigman vor, die sie bei einem Tanzabend in Leipzig erlebt, und wird in Wigmans Dresdner Schule aufgenommen.

Schon ein halbes Jahr später tritt sie zum ersten Mal in der Gruppe zusammen mit Mary Wigman auf. Im Dezember 1921 wirkt sie in der Frankfurter Uraufführung von Wigmans berühmten »Sieben Tänze des Lebens« mit. Zwei Jahre später erlebt ein begeistertes Publikum Georgi in Solo-Tanzabenden und als Duo zusammen mit Gret Palucca. Im Herbst 1924 holt Kurt Jooss sie als Solotänzerin an das Stadttheater von Münster, und zur Spielzeit 1925/26 wird sie die jüngste Ballettmeisterin Deutschlands am Reußischen Theater in Gera.

Nach dem erfolgreichen Jahr in Gera geht sie als Ballettmeisterin an die Städtischen Bühnen Hannover und eröffnet eine eigene Schule für Tanz. Unter ihrer Ägide entwickelt sich Hannover zu einem Zentrum für modernen Tanz. Ihre Aufführungen finden international Beachtung und Einladungen zu Gastspielen folgen.

Der erste Ballettabend von Yvonne Georgi in Hannover fand am 8. Dezember 1926 an den Städtischen Bühnen statt: Auf dem Programm standen zwei Ballette von Igor Strawinsky. Als Petruschka gastierte Harald Kreutzberg von der Staatsoper Berlin.

 

Mary Wigman, eigentlich: Marie Wiegmann, wurde am 13. November 1886 in Hannover geboren und starb am 19. September 1973 in Berlin. Als Schülerin von Émile Jacques-Dalcroze und Rudolf von Laban gründete sie 1920 in Dresden eine eigene Schule. Mary Wigman gilt als die Begründerin des modernen Ausdruckstanzes in Deutschland: Ihre Solo- und Gruppentänze wurden meist ohne Musik, nur mit Schlagzeugbegleitung getanzt, und die zeitliche Einteilung ergab sich allein aus den rhythmischen Bewegungsabläufen der Tanzenden. Aus ihrer Schule gingen u.a. Yvonne Georgi, Gret Palucca und Harald Kreutzberg hervor.

 

Vitrinen 5-8

Das Geschwisterpaar Francesco und Eleonora von Mendelssohn führt in Berlin ein für Künstler aller Sparten offenes Haus. Francesco von Mendelssohn ist es auch, der Yvonne Georgi und Harald Kreutzberg zusammenbringt, wie Yvonne Georgi erzählt: "Das ist schon beinahe eine Anekdote. Francesco von Mendelssohn, ein guter Freund von mir, war – längst bevor ich auf die Idee kam – davon überzeugt, daß Kreutzberg und ich tänzerisch zusammenpaßten. Kreutzberg war damals Solotänzer an der Staatsoper in Berlin. (...) Ich hatte in Berlin zu tun. Francesco lotste mich in die Oper. Ich wollte nicht gern, aber er wollte es, weil Kreutzberg auftrat. Ich saß da, und mit einem Male murmelte ich: Das wäre ein Petruschka für mich... Was dann kam, hört sich für heutige Verhältnisse an wie ein Märchen. Von Francesco bekam ich mitten in der Vorstellung einen altrömischen Barockring geschenkt – für mich war das unerhört, ich war doch ein armes Mädchen –, diesen Ring hatte er immer in der Tasche gehabt, um ihn mir in dem Augenblick zu schenken, in dem ich von selber erkenne, daß Kreutzberg der richtige Partner für mich ist. Ich ging dann zu Harald; er machte komische Augen, aber es war überhaupt kein Problem..."

 

Der Tänzer Harald Kreutzberg (1902-1968) ist der berühmteste männliche Protagonist des deutschen Tanzes im 20. Jahrhundert und gilt als bester Tänzer seit Nijinsky. Er ist wie Yvonne Georgi Schüler von Mary Wigman Das Tänzer-Paar Georgi/Kreutzberg gilt als das berühmteste Tanzpaar seiner Zeit.

 

Yvonne Georgi konnte Kreutzberg 1927 endgültig von Berlin nach Hannover holen. Sie veranstalten viele Duoabende in Hannover und sind auf zahlreichen Gastspielen im In- und Ausland unterwegs. Noch 1969 tanzt Harald Kreutzberg im Sommer in Herrenhausen.

 

Vitrine 9

Yvonne Georgi ließ sich immer wieder auch zum Teil von namhaften Fotografen ihrer Zeit porträtieren. Die kleine Auswahl der Porträtfotos geben einen guten Eindruck von der Faszination, die Yvonne Georgi ohne Frage ausgeübt haben muß.

 

Vitrine 10

Neben der tänzerischen und choreographischen Arbeit begann Yvonne Georgi schon früh, auch pädagogisch zu arbeiten. Mit Harald Kreutzberg eröffnete sie 1926 eine eigene Tanzschule für Berufstanz, Tanzgymnastik und Gruppentanz, und nach 1954 war sie die Leiterin der Tanzabteilung der heutigen Hochschule für Musik und Theater in Hannover.

 

Vitrine 12 + 13

Nach Kriegsende und Revolution 1918 und in den folgenden schlimmen Infaltionsjahren wirbelten die großen Umwälzungen auch die Tanzgruppe arg durcheinander, bis Dr. Hanns Niedecken-Gebhard, Oberspielleiter der Oper von 1922-24 (bekannt durch seine tänzerisch bestimmte Ausdeutung der Händel-Opern-Renaissance) auch dem Ballett ein neues Rückgrat und Niveau zu geben suchte. Doch waren die zwei Jahre seines Wirkens zu kurz für eine Aufbauarbeit in diesen hektischen Zeiten. Fesselnd Neues bot der in den gleichen Jahren 1922-24 als Solotänzer und Ballettmeister tätige Max Terpis in wechselnden Tanzabenden eigener Erfindung oder in der Legendenspiel-Premiere von Bruno Stürmer "Der Tänzer unsrer lieben Frau", unter Regie Dr. Niedecken-Gebhards. Auch Mary Wigman machte in mehrerern Gastabenden Hannover bekannt mit modernen Tanz-Bestrebungen. Die Spielzeit 1926/27 brachte dann die fundamentale Wendung in Hannovers Tanz-Geschehen: das Engagement von Yvonne Georgi als Ballettmeisterin, dazu die Verpflichtung Harald Kreutzbergs als Solotänzer ab 1927.

 

Vitrine 14

Programmzettel vom 30./31. Dezember 1929 und 1. Januar 1930 in New York

Foto mit Douglas Fairbanks jr. und Joan Crawford nach einer Nachtvorstellung für die New Yorker Künstler.

Foto nach einer Nachtvorstellung für die New Yorker Künstler, v.l.n.r.: Yvonne Georgi, Fred Astaire, Adele Astaire, Alfred Lunt, Marijlin Millery, Ivor Novello, Harald Kreutzberg, Lynn Fontainna, Douglas Fairbanks jr., Joan Crawford, Viola Tree, Clifton Webb, Hope Williams.

 

Vitrine 15 + 16

Bis zum Ende der Spielzeit 1931/32 bleibt Yvonne Georgi in Hannover, dann trennen sich auch die Wege von Kreutzberg und Georgi, die im Januar 1932 in Holland heiratet. Doch auch Hannover bleibt sie weiterhin treu. Mit Halbjahresverträgen ist sie immer wieder zu Gast.

Durch die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland wird es für Yvonne Georgi immer schwerer, ihre Amsterdamer Schule und die Arbeit in Hannover zu vereinigen. 1936 zieht sie endgültig nach Amsterdam. Dort arbeitet sie für die Wagnervereinigung und versucht ein niederländisches Nationalballett aufzu-bauen. Mit ihrer Balletttruppe bildet sie regelmäßig den Höhepunkt der Saison in Scheveningen.

 

Vitrine 17

Im Januar 1932 heiratet Yvonne Georgi den Holländer L.M.G. Arntzenius, der Feuilletonchef der Zeitung "De Telegraaf" ist. Arntzenius, der bei Willem Mengelberg Dirigieren studiert hat, begleitet seine Frau zu ihren Proben und unterstützt sie in ihrer künstlerischen Arbeit.

Die Fotos zeigen Yvonne Georgi in ihrer Wohnung in der Maschstraße 11 in Hannover und in ihrer gemeinsamen Amsterdamer Wohnung.

 

Vitrine 18 + 19

Anfang der 1950er Jahre wird Yvonne Georgi zuerst Ballettmeisterin der Abraxas-Kompanie und geht danach für drei Spielzeiten an die Städtischen Bühnen Düsseldorf. Anders als in Düsseldorf findet Georgi ab 1954 in Hannover am Landestheater ideale Bedingungen für ihre Tätigkeit als Ballettmeisterin und ihren Plan, eine hochqualifizierte Balletttruppe mit einem modernen Repertoire aufzubauen. Dem Ballett werden neben den obligatorischen Auftritten in Oper und Operette eigene Abende garantiert, und Georgi wird gleichzeitig Leiterin der Tanzabteilung an der Hochschule für Musik und Theater. 1959 wird Yvonne Georgi zur Professorin ernannt.

In Hannover kann Georgi ihre Vorstellungen von einer Synthese zwischen Ballett und Freiem Tanz verwirklichen. Unter ihrer Ägide erlebt die Stadt zahlreiche Uraufführungen, unter anderem 1957 das »Elektronische Ballett«, nach der Musik von Henk Badings. Aber nicht nur aufregende Inszenierungen, große Handlungsballette, Kammerballett-Aufführungen im Ballhof und das Mitwirken an den Festspielen in Herrenhausen machen die Ära Yvonne Georgi unvergeßlich. Möglich wurde eine so langanhaltende und vertrauensvolle Zusammenarbeit erst durch ihr Engagement und Verständnis für ihre Tänzer.

 

 

Yvonne George und Harald Kreuzberg

 

Yvonne George und Harald Kreuzberg gehören zu den bedeutendsten Tanzpaaren des 20. Jahrhunderts. Daher ist es wichtig für das Verständnis von Yvonne George auch den Nachlaß von Harald Kreuzberg heranzuziehen. Er befindet sich im Deutschen Tanzarchiv Köln.

 

 

Harald Kreuzberg (1902-1068)

 

Harald (Gustav Rudolf) Kreutzberg war der berühmteste männliche Protagonist des deutschen Tanzes im 20. Jahrhundert und galt als »bester Tänzer seit Nijinsky«. Er wurde am 11. Dezember 1902 als zweites Kind des Kaufmanns Carl Kreutzberg und der Lehrerin Gabriele Ritschel in Reichenberg / Böhmen geboren. Um 1907 zog die Familie nach Breslau.

Dort erlebte der erst vierjährige Harald eine Aufführung der Operette »Der fidele Bauer« von Leo Fall am Lobe-Theater und wollte sehr gern die Rolle des »Heinerle« in der Inszenierung übernehmen. Seine Mutter gestattete ihm, sich im Theaterbüro vorzustellen, wo ihn der Regisseur sofort engagierte. Der erste Auftritt Harald Kreutzbergs fand also im Winter 1907/1908 in Breslau in der Rolle des »Heinerle« statt.

1909 siedelte Familie Kreutzberg nach Dresden über. Hier besuchte der Knabe die Oberrealschule und erhielt 1909/1910 seinen ersten Ballettunterricht bei der Ballettmeisterin der Vereinigten Stadttheater Leipzig, Emma Grondona. Dieser Unterricht sagte dem Jungen allerdings nicht besonders zu. Nach der Mittleren Reife 1919 begann der junge Mann mit einer Ausbildung zum Modegrafiker an der Kunstgewerbeschule in Dresden. Während seiner Ausbildungszeit trat er bei Festen seiner Schule in originellen Kostümen auf und erregte stets Aufsehen mit seinen Inszenierungen. Schon während seiner Ausbildung zum Modezeichner verdiente sich Harald Kreutzberg seinen Lebensunterhalt mit freien Arbeiten und als Zeichner für ein Dresdner Bekleidungshaus.

Am 1. Juni 1921 trat er gemeinsam mit dem Ellen-Petz-Kainer-Ballett im Dresdner Albert-Theater in seiner eigenen Choreographie des Solotanzes »Bizarrerie« auf. Die Ballettleiterin Ellen Petz scheint seine moderne Art des Tanzens nicht geschätzt zu haben, und Kreutzberg konnte sich im Gegenzug nicht mit der Formensprache des Klassischen Tanzes anfreunden. Gemeinsam mit einem Freund besuchte er ab 1921 daher die Laienkurse an der Schule für modernen künstlerischen Tanz von Mary Wigman. Kreutzbergs Begabung fiel Mary Wigman sofort ins Auge, und sie forderte ihn auf, statt der Laienkurse ihre Berufsausbildungsklasse zu besuchen. Mit diesem Wechsel begann für Harald Kreutzberg seine eigentliche Ausbildung und seine Laufbahn als Tänzer.

An der Wigman-Schule entwickelte Kreutzberg seinen ersten großen Tanz, den er »Trommelspuk« nannte. Dieses Stück wurde lediglich mit einer Pauke und einem Gong rhythmisch begleitet und begeisterte seinen Mitschüler an der Wigman-Schule Max Pfister, der sich später Max Terpis nannte.

Terpis wurde Anfang 1923 Ballettmeister an den Städtischen Bühnen in Hannover. Dorthin holte er Harald Kreutzberg mit seinem »Trommelspuk« zunächst als Gast und sorgte später für dessen Festanstellung. Wegen seines großen Talents und seiner Ausstrahlungskraft wurde Kreutzberg sowohl von der Presse, als auch vom künstlerischen Leiter des Hauses, Hanns Niedecken-Gebhardt, hoch geschätzt. Trotzdem wechselte er gemeinsam mit Max Terpis in der Spielzeit 1924/25 an die Staatsoper nach Berlin. In Berlin fungierte Kreutzberg sowohl als Ensemble-, als auch als Solotänzer. Seinen ersten größeren Erfolg als Solotänzer in Berlin hatte er mit dem »Tanz der Angst« im Ballett »Die Nächtlichen«.

1926 übernahm Kreutzberg in dem Ballett »Don Morte« die Rolle des Narren und rasierte sich hierfür den Kopf. Dieser kahl rasierte Schädel wurde fortan zu Harald Kreutzbergs Erkennungszeichen. Die Musik für das Ballett »Don Morte« schrieb Friedrich Wilckens, der nach dieser ersten gemeinsamen Arbeit zu Kreutzbergs engstem Mitarbeiter wurde.

Im Dezember 1926 gastierte Harald Kreutzberg in Hannover mit »Petruschka« und gab gemeinsam mit seiner späteren Tanz- und Choreographiepartnerin Yvonne Georgi seinen ersten, sehr erfolgreichen Kammertanzabend.

Im April 1927 trat Kreutzberg als Spielmann in der Dortmunder Inszenierung »Mirakel« von Max Reinhardt und Karl Vollmoeller auf, und im Juni desselben Jahres zeigte er auf dem Tänzerkongress in Magdeburg sein Solo »Revolte«. Besonders wichtig aber war seine Rolle des Puck in der Inszenierung von Shakespeares »Sommernachtstraum« durch Max Reinhardt bei den Salzburger Festspielen. Außerdem konnte Kreutzberg in diesem Jahr seinen internationalen Durchbruch feiern, den er bei einem Kammertanzabend mit Tilly Losch und Hedy Pfundmayr von der Wiener Staatsoper erlangte.

Zur Spielzeit 1927/28 kehrte Harald Kreutzberg als Solist nach Hannover zurück und begann nun auch eine intensive choreographische und tänzerische Zusammenarbeit mit Yvonne Georgi. Diese Zusammenarbeit faszinierte vor allem durch die Choreographien Yvonne Georgis und ihre herbe Ausstrahlung im Tanz, die effektvoll die tänzerische Leichtigkeit Harald Kreutzbergs unterstrich.

 

Kreutzbergs wachsende Popularität gründete vor allem in der Leichtigkeit und Heiterkeit seiner Tänze und Tanzkunst. Daneben aber schuf und tanzte er bis 1938 und ab 1948 dramatische Werke, in denen er sich religiösen Themen widmete. Ihn interessierten immer wieder Variationen verschiedener Engelsgestalten, bzw. Gestalten aus Bibelerzählungen, die ihn tänzerisch dazu zwangen, durch Reduktion seiner Formensprache intensivste Wirkung zu erzielen.

Im Winter 1927/28 unternahm Harald Kreutzberg als Mitglied des Max-Reinhardt-Ensembles seine erste Tournee durch die USA und gab dort gemeinsam mit Tilly Losch wieder einen sehr erfolgreichen Kammertanzabend; auch die Vertreter des Modern Dance in den USA waren fasziniert von seiner Technik und Ausstrahlungskraft.

Von Januar bis März 1929 gingen Harald Kreutzberg und Yvonne Georgi auf ihre erste gemeinsame Tournee durch die USA. Sie zeigten hier, wie auch bei ihren drei folgenden Gastspielreisen, die Programme, die sie in Hannover entwickelt hatten. Besonderes Augenmerk legte Yvonne Georgi auf die Auswahl der Musik für ihre Stücke. Georgi engagierte sich sehr für zeitgenössische Komponisten wie Paul Hindemith, Wilhelm Grosz oder Egon Wellesz und verwendete deren Musik in Choreographien wie »Das seltsame Haus«, »Baby in der Bar« und »Tanzsuite«. Auf diese Weise brachte sie dem Publikum die neuartige Musik in Verbindung mit dem Tanz näher und machte auf die Komponisten aufmerksam.

Nach ihrer dritten Tournee durch die USA im Jahr 1931 beendete das Tanzpaar mit den Stücken »Die Planeten« (Musik: Gustav Holst) und »Le Train bleu« (Musik: Darius Milhaud) an der Berliner Staatsoper seine feste Zusammenarbeit.

Harald Kreutzberg reiste im Winter 1931/32 zum fünften Mal in die USA und tourte mit seiner eigenen Tanzgruppe (Irja Hagfors, Araça Makarova, Ilse Meudtner, Almut Winkelmann) durch den nordamerikanischen Kontinent. Bis 1939 wiederholte er jährlich Solotourneen durch die USA und begeisterte bis Mitte der 1930er Jahre das Publikum mit seiner einzigartigen Technik und Ausstrahlungskraft in seinen heiteren, leichten und komischen Tänzen. Danach erwarteten die amerikanischen Kritiker von ihm ernsthaftere Inhalte in seinen Choreographien, die die Lebensbedingungen der Deutschen und des Nationalsozialismus kritisch reflektierten. Obwohl er diese Erwartungen nicht erfüllte, feierte ihn das amerikanische Publikum enthusiastisch.

Parallel zu seinen Solotourneen begann Kreutzberg ab 1933 Meisterkurse und Workshops an verschiedenen Orten in den USA zu geben, auf die seine amerikanischen Studenten mit Begeisterung reagierten. Er beeinflusste insbesondere Erick Hawkins, Josè Limón, Eugene Loring und Ruth Page in der Entwicklung ihrer Technik. Mit Ruth Page unternahm er 1934 gemeinsam eine Tournee durch Ostasien.

Nach Kriegsbeginn konnte Kreutzberg nicht mehr in die USA reisen. Erst ab 1948 gastierte er wieder in den USA und gab dort 1953 seine Abschiedstournee.

Der Ruhm Harald Kreutzbergs war in Deutschland genauso groß wie in Übersee. Kreutzberg galt den nationalsozialistischen Kulturpolitikern als Repräsentant deutscher Kultur schlechthin und wurde in dieser Eigenschaft fortwährend auf Tournee ins Ausland geschickt. 1933 nahm er ebenfalls für eine Spielzeit den Posten des Tanzmeisters am Düsseldorfer Opernhaus an. 1934 und 1935 tanzte er bei den Deutschen Tanzfestspielen in Berlin und trat als Solist in den wichtigsten Inszenierungen der Berliner Staatsoper und auch in Salzburg auf.

1936 übernahm Kreutzberg die Meisterklassen an den Deutschen Meisterstätten für Tanz in Berlin. Außerdem erhielt er für seine Darbietungen bei den Internationalen Tanzwettspielen im Rahmenprogramm der XI. Olympischen Spiele in Berlin eine Ehrenurkunde.

1938 erschien Kreutzbergs erstes autobiographisches Werk »…über mich selbst«. Es umfasste lediglich zwanzig Textseiten und einige Abbildungen und richtete sich in erster Linie an die Besucher seiner Tanzabende.

Bis 1944 gab Harald Kreutzberg unermüdlich Solotanzabende. Als aber im September 1944 die Theater im Deutschen Reich geschlossen wurden und alle Künstlerinnen und Künstler Kriegsdienst leisten mussten, wurde auch Kreutzberg eingezogen und diente in der Wehrmacht als Fahrer und Sanitäter. Im Mai 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft und verblieb zweieinhalb Monate in einem italienischen Kriegsgefangenenlager.

Im November 1945 gab er nach einem Jahr Zwangspause in München seinen nächsten Tanzabend. Ab 1946 nahm er seine internationalen Gastspielreisen, nun auch durch Südamerika, wieder auf und lehrte zehn Jahre lang Tanz und Choreographie bei den Internationalen Sommerkursen für Tanz in der Schweiz. 1952 erhielt Harald Kreutzberg den Deutschen Tanzpreis des Deutschen Kritikerverbandes für »das Lebenswerk dieses größten deutschen Tänzers während der ganzen letzten 25 Jahre«. Im Februar 1953 wurde er Ehrenmitglied der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien.

1955 fasste er in dem Programm »Tänze vor Gott« seine religiösen Stücke zusammen und zeigte damit erstmals ausschließlich seine dramatische Tanzkunst vor Publikum. Im selben Jahr gründete er gemeinsam mit Hilde Baumann in Bern (Schweiz) eine Tanzakademie. Im März 1957 gab Kreutzberg seinen 100sten Tanzabend in Berlin und unternahm von Herbst 1957 bis Ende 1961 seine Abschiedstourneen durch Europa und Südamerika. Danach trat er nur noch vereinzelt in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf.

1960 erhielt Kreutzberg den sudetendeutschen Kulturpreis, und im Januar 1961 wurde ihm das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse verliehen. 1967 verlieh ihm auch die Bundesrepublik Deutschland den Verdienstorden Erster Klasse.

Am 25. April 1968 starb Harald Kreutzberg in Bern.

(Geertje Andresen, Deutsches Tanzarchiv Köln)