Der Preis der Nächstenliebe

Sommer 2016. Eine junge Autorin, die Szenisches Schreiben an der Universität der Künste studiert. Ein neues Stück. Sie hat sich mit den Toten an den europäischen Außengrenzen beschäftigt. Sie wurde bei einer Kunstaktion zu diesem Thema festgenommen. Ihr Name: Franziska vom Heede. Wer hat eigentlich Macht über welche Räume? Wer entscheidet, an welchen Orten gestorben wird und wer sich an welchen Orten aufhalten darf? Wie werden Orte konnotiert? Welche Perspektive habe ich eigentlich? Aus welcher Perspektive kann ich schreiben? Die Deadline für den Kleist-Förderpreis rückt näher. Sie schickt rechtzeitig noch einen Text: Tod für eins achtzig Geld. Er wird unter die letzten zehn gewählt, die eine Jury bewertet. Der Text gewinnt.

Tod für eins achtzig Geld ist ein eigentümlicher Text, der aus den zahlreichen Einsendungen zum Kleist-Förderpreis herausstach. Er vereint ein Kaleidoskop von Szenen, die ums Überleben kreisen, darum, sich das Überleben zu verdienen, moralisch wie ökonomisch. Da ist zum Beispiel der Supermarkt. Für eine Nacht umgewidmet zum Partyort. Am nächsten Morgen: der Laden geplündert, zerstört. Anstelle des Pfandautomaten: Opa im Einkaufswagen. Entführt von seiner Enkelin aus dem Pflegeheim, wo es kein Bett mehr für einen Sterbenden gibt, der Verwandtschaft entzogen, die sich darum balgt, sich kurz vor dem Ende die Liebe eines Todgeweihten zu sichern. Es braucht eine Geschäftsidee der jungen Leute, um dem Ruin zu entgehen. Warum soll nicht auch das Objekt der Nächstenliebe und Fürsorge seinen Preis haben? Streaming! Versteigerung im Netz: Wer den Opa auf seine letzten Tage pflegen darf, entscheidet das Höchstgebot. Dafür allerdings muss er am Leben gehalten werden – wenigstens noch einige Tage.

Oder: ein Mann und ein Chef. Einstellungsgespräch. Die Marke lautet »Fair«. »Ich bin hier bei den Guten. In diesen Zeiten ein Maximum.« Es gibt Wege, das Gefühl dieser Zugehörigkeit in den Markt einzuschleusen. Zum Beispiel, indem man dem Auslieferer von Lebensmitteln eine Flüchtlingsbiografie andichtet. Keine große Sache. Oder: ein Mann, der sich dem Schuldkreislauf entziehen und aus dem System aussteigen will, wird immer wieder hineingezogen. Er ist ein permanentes Hindernis – immer und überall.

Wie bringt man so einen Text auf die Bühne? In was für einem Raum findet ein solch kaleidoskopisches Stück statt? Der Regisseur Nick Hartnagel und seine Bühnenbildnerin Tine Becker hatten die Idee, die Trennung von Zuschauer- und Bühnenraum aufzuheben und kommen so an den Kern dessen, was Franziska vom Heede ursprünglich umtrieb. Das Publikum wandelt durch das Geschehen, die Handlung findet in und zwischen den Zuschauern statt. Wer beherrscht den Raum?
Johannes Kirsten

Hannover-Premiere: 16.09.17, 20:00 Uhr, Cumberland Tickets HIER
Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dem Kleist Forum Frankfurt / Oder