Ein »Live-Roman« am Kröpcke

Kurz bevor die Ausstellung Produktion: Made in Germany Drei ihre Tore schließt, wird der U-Bahnhof Kröpcke vom 30. August bis 2. September Teil der literarischen Performance Sometimes I think, I can see you. Ein Interview mit dem argentinischen Regisseur Mariano Pensotti, der das Projekt gemeinsam mit vier deutschsprachigen Autoren realisiert.

 

In verschiedenen künstlerischen Formaten erforschen Sie die Grenzverläufe zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, alltäglichen und theatralen Erscheinungsformen. Was interessiert Sie daran?

 

Mariano Pensotti: Mich interessiert, inwieweit wir alle in unserem Alltag Fiktion produzieren. Jedesmal, wenn wir unsere Vergangenheit wiedererzählen, erfährt sie eine Transformation. Wir entwerfen ein Narrativ unseres Selbst in den sozialen Medien und gleichzeitig sind wir geprägt von Rollenbildern, die wir aus Filmen, Fernsehshows oder der Literatur kennen. Wir produzieren Fiktion, die letztlich uns produziert. Ich möchte untersuchen, inwieweit unser Verhalten im öffentlichen Raum eine Performance ist, die uns zu Charakteren macht.

 

Wie kam es zu der Idee, Autoren auf einen Bahnsteig zu setzen und sie zu bitten, aus ihren Beobachtungen einen Live-Roman zu entwickeln?

 

Pensotti: Ich wollte all die Geschichten sichtbar machen, die auf einem öffentlichen Platz verborgen bleiben. Außerdem interessierte mich Überwachung im öffentlichen Raum. So beschloss ich, eine Gruppe von Autoren in »literarische Überwachungskameras« zu transformieren. Es entstanden ein Archiv des täglichen Lebens und ein Live-Roman, der mit realen Charakteren operierte. In gewisser Weise ähnelt das Projekt dem, was uns alltäglich widerfährt: Wir schauen eine uns unbekannte Person an und beginnen uns vorzustellen, was für ein Leben sie wohl führt.

 

Warum sind es vier Autoren? Was versprechen Sie sich von den parallel entstehenden Geschichten?

 

Pensotti: Ich mag es, verschiedene Perspektiven auf den gleichen Ort und womöglich die gleichen Personen zu zeigen. Daher suchen wir auch Autoren mit unterschiedlichem Background. Ihre Sicht der Dinge, das, was ihre Aufmerksamkeit erregt, welche möglichen Geschichten sie wahrnehmen, ist subjektiv und kreiert vier verschiedene Wege, mit der Wirklichkeit als Quelle für Fiktion umzugehen.

 

Sie haben diese Idee bereits in Berlin, Brüssel, Buenos Aires, Warschau und Zürich realisiert. Mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Verwerten Sie die entstandenen Texte weiter?

 

Pensotti: Zwar sammle ich die Texte, aber bislang habe ich sie noch nicht weiter genutzt. Sie funktionieren wunderbar als Zeitkapsel eines Platzes und eines Zeitraums. Doch was mich mehr interessiert ist, dass sie weniger ein Archiv des realen Lebens darstellen als eines der Fiktionen, die ein öffentlicher Platz in sich birgt.

Interview: Judith Gerstenberg

 

30.08.-01.09.17, jeweils 20:00-22:00 Uhr + 02.09.17, 17:00-19:00 Uhr, U-Bahn-Station Kröpcke

 

im Rahmen von Produktion. Made in Germany Drei

in Kooperation mit der üstra und dem Fahrgastfernsehen

 

Autoren: Katja Brunner, Hartmut El Kurdi, Jakob Nolte, Franziska vom Heede

 

Mariano Pensotti
studierte Film, visuelle Kunst und Theater. Er ist regelmäßiger Gast auf den großen internationalen Festivals, so auch wiederholt beim Festival Theaterformen, u. a. mit »Die Vergangenheit ist ein groteskes Tier«. Derzeit tourt er mit seinem neuen Abend »Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht« durch Europa.