»Das hat Kraft und Ladung«

In Hool suchen Heiko und seine Freunde den Kick in körperlicher Gewalt, bilden aber auch eine verschworene Gemeinschaft, wie eine zweite Familie. War es dir ein Anliegen, ein anderes – menschliches – Bild dieses Milieus zu zeichnen?

 

Philipp Winkler: Als Autor halte ich mich mit Messages eher zurück. Aber es war mir schon ein Anliegen aufzuzeigen: Das sind alles Menschen wie du und ich, mit Problemen, Beziehungen und Emotionen.

 

Woher kommt diese Faszination für die Welt der Hooligans bei dir?

 

Winkler: Ich war schon immer Fußballfan und interessiere mich für die Randgebiete oder Dunkelzonen der Gesellschaft. Im Fußballkontext stößt man da auf den Hooliganismus. Literarisch hat mich daran die Gewalt gereizt. Ich fand es eine spannende Aufgabe, auch Schlägereiszenen auszuprobieren. Und mich haben die Beweggründe interessiert: Warum machen Leute das? Wissen die überhaupt, warum sie das tun?

 

Du hast mal gesagt, es gibt nicht den einen Grund, warum jemand Hooligan wird, sondern viele individuelle Gründe…

 

Winkler: Ja, das reicht vom Kick, dem Adrenalin, das man woanders nicht findet, bis zum Eskapismus – man kriegt täglich vom Chef auf den Deckel und will dem Alltag entfliehen. Oder es ist der sportliche Gedanke, den eigenen Körper unter Extrembedingungen auszutesten. Viele Hools sind ja auch im Boxverein oder halten sich mit Kampfsport fit.

 

Hool ist sensationell erfolgreich, das Buch hat zigtausende Leser gefunden. Wie erklärst du dir dieses enorme Interesse?

 

Winkler: Ich kann da auch nur Vermutungen anstellen. Fußball geht in Deutschland ja eigentlich immer – okay, in der Literatur bisher nicht so sehr. Und dann hat es mit diesem Randgebiet zu tun: Man kann als Leser in eine Welt eintauchen, die man sonst nicht kennt, die einen befremdet. Man hat das Gefühl, unter die Oberfläche zu dringen.

 

Wie sind denn die Reaktionen aus Fan- und Szenekreisen?

 

Winkler: Ganz gut. Viele Fans finden sich darin wieder, zum Beispiel in der Szene des ersten Stadionbesuchs. Oder auch einfach diese persönliche Ebene des Fußballfan-Seins. Die Leute aus der Szene klopfen das natürlich vor allem auf Authentizität ab. Die meisten haben gesagt: Das ist jetzt kein kompletter Bullshit. Es ist ja auch literarisiert. Es ist kein Tatsachenbericht, kein Protokoll der Realität. Natürlich hab ich auch Sachen verändert für die Geschichte.

 

Du selbst bist Fan von Hannover 96, in dessen Umfeld der Roman angesiedelt ist. Wie hast du selbst deine Fanleidenschaft ausgelebt?

 

Winkler: Vorwiegend aus der Ferne. Als Jugendlicher konnte ich es mir nicht leisten, alle zwei Wochen ins Stadion zu gehen oder auswärts zu fahren. Das ging halt einfach vom Geld her nicht bei mir. Heute ist es auch nicht anders, aber das liegt daran, dass ich nicht mehr in Hannover lebe. In Leipzig gehe ich zu Chemie oder Roter Stern.

 

Nun kommt der Stoff in Hannover auf die Bühne. Du hast bereits die Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen vor Ort erlebt – wie ging es dir damit?

 

Winkler: Es hat mir sehr gut gefallen. Die Adaptionswege, die z. B. in Hinblick auf die Erzählperspektive gefunden wurden, funktionieren in meinen Augen super. Das Ganze hat eine gewisse Kraft und Ladung. Aber es macht auch – ganz simpel – viel Spaß.

Interview: Björn Achenbach

 

Hannover-Premiere: 23.09.17, 19:30-21:35 Uhr, Schauspielhaus, Vorverkauf läuft

Nächste Vorstellung: 29.09.17, 19:30-21:35 Uhr, Schauspielhaus, Vorverkauf läuft

Weitere Termine ab Oktober 2017 siehe Monatsspielplan der Staatstheater, Vorverkauf ab 25. August