»Dieser Abend ist einfach geil«

Henning Hartmann, geboren 1979 in Darmstadt und seit 2010/11 festes Ensemblemitglied am Schauspiel Hannover, verkörpert in Die Brüder Karamsow den ältesten Bruder und Lebemann Dmitrij. Für alle, denen Dostojewskijs Roman zu lang und Wikipedia-Zusammenfassungen zu langweilig sind, hat er eine zweiminütige, unterhaltsame Video-Einführung ins Stück entwickelt.

 

Du hast eine Video-Blitzeinführung zu Die Brüder Karamasow gemacht; eine knappe Inhaltsangabe zum Stück fällt dir jetzt bestimmt leicht, oder?


Henning Hartmann: Nicht wirklich. Sich kurz zu fassen, braucht immer besonders viel Vorbereitungszeit, finde ich. An dem Text und Konzept für die Blitzeinführung saß ich mehrere Stunden. Bei Dostojewskij tut sich ein riesiger Kosmos auf. Es ist ein wuchernder, komplexer, reichhaltiger Stoff.

 

Wagst du trotzdem einen Versuch? Was sind für dich zentrale Themen des Stückes?


Hartmann: Die äußere Handlung von Dostojewskijs großem Roman ist eine Kriminalgeschichte um die drei Brüder Dmitirj, Alexej und Iwan und den Mord an ihrem tyrannischen Vater. Doch für diese Handlung bräuchte man keine tausend Romanseiten. Interessant ist die geistige Ebene, die dazukommt, die Fragen nach Gott und Moral: Gibt es einen Gott oder nicht? Und wenn es ihn nicht gibt, wie kann man dann moralisch sein? Wenn man keine absolute Größe wie Gott mehr hat, auf welcher Grundlage soll man dann gut und moralisch handeln? Was ist überhaupt Moral? Ich finde, das sind nicht nur gute, sondern auch hochaktuelle Fragen.

 

Wie ist es für euch als Schauspieler, diese fünfstündige Produktion zu spielen?


Hartmann: Wir spielen Die Brüder Karamsow alle wahnsinnig gerne und freuen uns jedes Mal darauf, wenn es wieder ansteht. Gleichzeitig ist es natürlich ein extrem anstrengender Abend für uns. Das ist vielleicht so ähnlich wie ein Fußballspiel mit Verlängerung: Danach ist man total kaputt, aber glücklich.

 

Ihr als Ensemble habt also Spaß an der Produktion. Und die Zuschauer? Warum sollte man sich diesen Theaterabend ansehen?


Hartmann: Dieser Abend ist eine theatralische Maßlosigkeit, die Freude macht! Man ist als Zuschauer zwar stark gefordert, gewinnt aber dadurch gleichzeitig ein ganz anderes Erleben. Man muss diesen Theaterabend einfach erlebt haben: Er ist maßlos, zu lang, zu laut, zu hell, zu dunkel, aber – man kann es nicht anders sagen – einfach geil.

 

Was ist deine persönliche Lieblingsszene an dem Abend?


Hartmann: Eine Szene, die in Dostojewskijs Roman so explizit gar nicht vorkommt: Ich als Lebemann Dmitrij hole aus praktischen Gründen den Jesus vom Kreuz und Günther Harder als mein sehr gläubiger Bruder Alexej flippt total aus. Er versucht, den Jesus wieder ans Kreuz zu kriegen. Dann entspinnen sich zum einen eine herrliche Improvisation zwischen uns beiden und zum anderen ein inhaltlicher Diskurs darum, warum Jesus eigentlich am Kreuz hängen muss. Das ist für mich eine sehr reizvolle Szene, sowohl spielerisch als auch inhaltlich.

 

Diese Szene spielt mit christlichen Symbolen und während die einen darüber lachen können, fühlen sich andere vielleicht unwohl damit. Der Slogan »Schöner kreuzigen!« ist ähnlich kontrovers und es gab dazu Beschwerdebriefe. Wie stehst du zu diesem Titel?


Hartmann: Ich kann durchaus verstehen, wenn man dem Titel kritisch gegenüber steht. Natürlich ist es ein Hingucker, der neugierig macht. Aber ich respektiere auch, wenn man davon irritiert ist oder sich daran stört. Es ging mir selbst anfangs ähnlich.

Interview: Janina Martens

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Stadtkind hannovermagazin)

 

Die Lange Karamasow-Osternacht

am Karsamstag, 15. April, beginnt um 18:00 Uhr mit einem Begrüßungsdrink. In der Pause gibt es russisches Buffet und Wodka-Tasting. Nach der Vorstellung entzünden wir ein Osterfeuer im Theaterhof und feiern in der Cumberlandschen Galerie eine echte Russendisko mit dem Datscha Kollektiv bis in die Morgenstunden!

Karten 35 € / erm. 25 € / Studierende etc. 15 €

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