»Wie sieht Emigration heute aus?«

Der Name Hösslin bezeichnet laut Wikipedia ein weitverzweigtes bayerisches Adelsgeschlecht aus dem Augsburger Patriziat. Bist auch du daraus hervorgegangen?


Silvester von Hösslin: Ja, genau. Das ist meine Familie. Wobei ich mit dem Adel nichts zu tun habe.


Du hast in Zürich studiert, als Gast in Bochum und Frankfurt gearbeitet, warst Ensemblemitglied am Theater Aachen und Teil der Zürcher Gruppe Far A Day Cage (FADC), die 2012 als group in residence ans Theater Basel weiterzog, wo sie bis 2015 weiterexistierte. Welche dieser Stationen waren deine prägendsten?


von Hösslin: Far A Day Cage war sehr, sehr wichtig. Mit denen hab ich wirklich lange gearbeitet. Ich habe praktisch ein Jahr nach der Schule begonnen, mit Tomas Schweigen (dem Kopf der Gruppe / d. R.) zu arbeiten, schon in dem FADC-Verbund, und das haben wir, unterbrochen nur von der Aachener Zeit, wirklich über zehn, elf Jahre gemacht. Tomas ist ein sehr kluger Kopf und hat eine eigene, interessante Vorstellung von Theater. Das fand ich für mein Theaterleben sehr prägend.


Wie würdest du die Arbeit von Far A Day Cage kurz beschreiben?


von Hösslin: Ein wichtiger Aspekt war immer, auch den Entstehungsprozess von Theater zu thematisieren, den Schauspieler hinter der Rolle. Das war eigentlich das Kernthema.


Mit Urwald war die Gruppe im Juni 2013 auch zu Gast bei den Theaterformen in Hannover, deren damalige Leiterin Anja Dirks ja auch als Dramaturgin für FADC arbeitete. Kannst du dich noch an dieses Gastspiel erinnern?


von Hösslin: Sehr. Ich weiß noch, wie ich hier im Haus herumgegangen bin und mich gefragt habe, wie es hier wohl so läuft. Es war toll, eine super Atmosphäre. Auf dem Theaterhof wurde abends gefeiert, und es gab diese Konzerte. Wir mussten immer zum Aegidientorplatz vorlaufen, weil wir da gespielt haben. Lustigerweise wohne ich da jetzt gleich um die Ecke. Ein paar Tage, nachdem ich hierher gezogen war, fuhr ich da vorbei und dachte, der Platz kommt mir irgendwie bekannt vor… Nach und nach hab ich dann Hannover für mich »zusammengesetzt«.


Einige Leute von Far A Day Cage sind Tomas Schweigen ans Schauspielhaus Wien gefolgt, als er im Sommer 2015 dort die Intendanz übernahm. Du nicht. Warum nicht?


von Hösslin: Ich wollte nochmal auf mich allein gestellt sein und die Möglichkeit haben, in größerem Rahmen mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich noch nicht kenne und die mich noch auf eine andere Art fordern. Bei Far A Day Cage sind wir ja auch zusammen älter geworden: Wir haben uns mit Mitte zwanzig zusammengetan und waren dann Mitte, Ende dreißig – ein guter Zeitpunkt für einen Einschnitt, fand ich.


Du bist seit Beginn der Spielzeit 2015/16 Ensemblemitglied bei uns. Wie hast du den Weg nach Hannover gefunden?


von Hösslin: Vor allem durch Florian Fiedler. Er hat mit mir den Besuch der alten Dame in Basel inszeniert. Das war eine sehr coole Arbeit. Ich kannte Florian aber vorher schon. Er ist immer mal wieder aufgetaucht. Und er hat mich wirklich an die Hand genommen und gesagt: Du, wenn du Lust hast, in Hannover könnte was frei sein. Dann ist Lars-Ole Walburg auf mich zugekommen. Das lief erfreulicherweise wahnsinnig reibungslos.


Du befindest dich gerade in den Proben zu Die Nacht von Lissabon nach dem Roman von Erich Maria Remarque – im Prinzip ein Soloabend, auch wenn du auf der Bühne noch von dem Musiker Lars Wittershagen unterstützt wirst. Ist das eine spezielle Herausforderung, nochmal anders als eine Ensemblearbeit?


von Hösslin: Ja. Monologisch zu arbeiten, ist natürlich ein völlig anderer Mechanismus. Ich kann gar nicht sagen, ob mir das besonders liegt. Spaß macht es bis jetzt.


Bei Remarque erzählt ein Unbekannter auf der Flucht, der sich Josef Schwarz nennt, einem Schicksalsgenossen in den Hafen-Bars von Lissabon seine Lebens- und Fluchtgeschichte. Die Lektüre ist fesselnd, man gerät in einen Sog. Ging es dir beim Lesen ähnlich?


von Hösslin: Mir ging es ganz genau so. Ich habe das Buch in zwei Tagen durchgelesen. Ich fand es sehr fesselnd und zwischendurch auch immer wieder rührend.


Der Roman erschien 1962, die Handlung ist im Jahr 1942 angesiedelt. Was macht den Stoff für uns Heutige interessant?


von Hösslin: Ziemlich klar das Motiv der Heimatlosigkeit und der Flucht, der Emigration. Was geschieht mit Menschen, wenn sie den heimatlichen Boden unter den Füßen verlieren? Was für Ängste müssen sie ausstehen? Welchen Gefahren sind sie ausgesetzt? Das ist heute nicht anders als damals. Und das macht's aktuell, ohne dass man offensichtliche Syrien-Bezüge auf der Bühne herstellen muss.


Zusammen mit dem Regisseur Lars-Ole Walburg und der Dramaturgin Kerstin Behrens hast du im November 2016 eine fünftägige Recherchereise nach Gaziantep in der türkisch-syrischen Grenzregion unternommen. Mit welchem Ziel? Und mit welchen Erkenntnissen?


von Hösslin: Wir wollten nicht primär Material finden, das wir benutzen können, sondern uns einfach mal schlau machen, wie Emigration heute aussieht. Wie geht es denn Menschen, die auf der Flucht sind? Vor allem deshalb sind wir nach Gaziantep gefahren. Zunächst stießen wir dabei jedoch an Grenzen: Es war die reinste Odyssee vom Deutschen Konsulat bis zur Stadtverwaltung, wir sind erstmal überhaupt nicht zu Potte gekommen. Aber dann sprachen wir mit einem Syrer, der eine NGO leitet, und das war wirklich aufschlussreich und sehr betrüblich. Weil klar wurde, welchen Horror diese Leute, die aus Aleppo geflohen sind, durchmachen; Aleppo ist ja ganz nah. Wir wissen jetzt mehr als vorher. Als Grundlage für unsere Arbeit ist das sehr wichtig.


Wie dicht bleibt die Theaterfassung am Romantext?


von Hösslin: Sehr dicht. Der Roman ist ja in der Ich-Form geschrieben. Es gibt eigentlich zwei Ich-Erzähler: Der Ich-Erzähler erzählt, dass er von jemandem angesprochen wird, und derjenige, der ihn anspricht, erzählt dann seine Geschichte. Dadurch, dass dieser Josef Schwarz immer in der Ich-Form erzählt, können wir vieles verwenden. Ole, der die Fassung gemacht hat, musste zwar einiges streichen und ein paar Dinge neu zusammensetzen, aber letztlich bleiben wir nah am Text.


Wie werdet ihr euch dem Stoff auf der Cumberlandschen Bühne nähern?


von Hösslin: Es wird kein großes Bohei dort geben. Mit den wenigen Mitteln, die wir haben, werden wir versuchen, viel anzustellen.


Das Foto vermittelt ja schon einen ersten Eindruck…


von Hösslin: Ich werde nicht nur in Vierziger-Jahre-Klamotten herumlaufen. Mit der Diskrepanz zwischen der damaligen Zeit und heute werden wir spielen, aber unaufdringlich. Wir wollen auch frech damit umgehen.


Ohne allzu viel vorab zu verraten: Wie wird die Bühne von Tine Becker aussehen?


von Hösslin: Sie ist erstmal weitflächig, bietet aber auch z. B. einen speziellen Raum, in den man gehen kann. Die Cumberlandsche Bühne ist ja sowieso toll zu bespielen, weil sie so eine Breite hat, aber nicht tief ist. Dadurch kann man eine Intimität herstellen. Und für diesen Roman ist es elementar, dass man intim erzählen kann. Diesen Drang der Geschichte kann man so gut transportieren.

Interview: Björn Achenbach

 

 

Nächste Vorstellungen: 7. und 28. Februar, 3., 7. und 25. März, jeweils 20:00 Uhr