»Was wäre, wenn der andere Recht hat?«

Frau Dr. Bahr, eine Woche nach Ihrer Amtseinführung als neue Landessuperintendentin des Sprengels Hannover sind Sie am 29. Januar 2017 zu Gast in der Gesprächsreihe Weltausstellung Prinzenstraße im Schauspielhaus, die sich nun mit Glaubensfragen auseinandersetzen wird. Lassen Sie uns vorab klären: Was macht eigentlich eine Superintendentin? Und wie gut kennen Sie Ihren neuen Sprengel?

 

Dr. Petra Bahr: Das Amt der Landessuperintendentin ist ja ein Predigtamt. Ich freue mich schon sehr auf die vielen fremden Kanzeln und die Gemeinden, die ich kennenlernen werde. Auch Seelsorge ist wichtig. Die vertrauliche bei denen, die in der Kirche arbeiten und manchmal an sehr menschliche Grenzen kommen, aber auch die öffentliche, in Zeiten, die nun wirklich nicht bei Trost sind.

 

Mit Ihrer Gastgeberin und Gesprächspartnerin bei der Weltausstellung Mely Kiyak haben Sie zumindest eines gemein: Sie beide sind gefragte Kolumnistinnen, wenn auch auf unterschiedlichen Gebieten. Haben sich Ihrer beider Wege schon einmal gekreuzt?

 

Bahr: Mely Kiyak kenne ich bislang nur als Leserin. Ich freue mich riesig auf unser Treffen.

 

Gegenwärtig erfahren die Religionen weltweit eine Repolitisierung, wie man sie fast nicht mehr für möglich gehalten hätte. Zugleich werden religiöse Aspekte für politische Zwecke instrumentalisiert, Ab- und Ausgrenzungen nehmen zu, religiöse Minderheiten werden verfolgt. Wie blicken Sie auf diese Entwicklung?

 

Bahr: Es schmerzt mich sehr, zu sehen, dass Religion zunehmend als etwas Gefährliches wahrgenommen wird. Die Gefahr der Politisierbarkeit ist immer da gewesen und hat Europa ja sehr geprägt. Nun ist es die islamische Welt, in der Brüder und Schwestern des Glaubens zu Ungläubigen erklärt werden, ein entfesselter Krieg ohne Grenzen, der sehr viel mit dem Dreißigjährigen Krieg gemeinsam hat. Aber auch die russisch-orthodoxe Kirche wird zunehmend zur religiösen Absicherung von Putins Macht, mit allem, was dazu gehört: Antisemitismus, Gewalt gegen Priester, die da nicht mitmachen, aggressive Polemik gegen den sogenannten westlichen Lebensstil. Dabei ist Religion doch eine Befreiungs- und Trostgeschichte, eine Kraft, um aus dem Teufelskreis von Rache, Ehrverletzung und Vergeltung auszusteigen, weil deutlich wird: Wir sollen Menschen sein und nicht Gott. Das ist eine Kampfansage an alle Formen der Selbstüberhebung über andere.

 

2017 ist Lutherjahr. Der Spiegel leitete es Ende Oktober mit einer Titelgeschichte ein und präsentierte Martin Luther als »ersten Wutbürger« – er sei ein »Mann zwischen Gestern und heute, zwischen Glaube und Wut«. Gehen Sie da mit?

 

Bahr: Typisch Spiegel. Die Lust an der Übertreibung ist die Schwester der Falschmeldung. Martin Luther war ein emotionaler Mensch. Gegen Ende seines Lebens hat er schlimme Dinge über Juden gesagt. Er hatte Schwächen und wurde durch Enttäuschung in seinem Urteil getrübt. Ein Wutbürger war er nicht. Er hat nicht geschrien, sondern geschrieben. Heiliger Zorn war durchaus dabei, aber er hat nach theologischen Argumenten gesucht. Luther hat allerdings auch viel über die Macht der Gefühle nachgedacht und festgestellt, dass Emotionen zu Herrschaftsinstrumenten werden können. »Da hat mich der Teufel geritten« - das war für ihn der Ausdruck für die Unterwerfung unter starke Gefühle. Sich Gott anzuvertrauen, ist auch eine Möglichkeit, die Teufel der Wut und des Neides abzuschütteln. Ziemlich aktuell, finde ich. Genau wie die Einsicht, dass die Zunge ein Mordinstrument sein kann.

 

2016 war – so sehen es nicht wenige – das Jahr des Hasses. Sie müssten ja eigentlich schon von Berufs wegen Hoffnung verbreiten. Was erwartet uns 2017?

 

Bahr: Ich weiß nicht, was uns erwartet. Die Welt ist nicht bei Trost. Deshalb brauchen wir den Trost, der in Gottes Nähe zu uns liegt, auch wenn das nur schwer zu glauben ist. Wir alle können aber einen Beitrag dazu leisten: wir sollen nicht im Sessel auf noch schlimmere Zeiten warten. Wir können uns für unsere Freiheit einsetzen, wir müssen nicht akzeptieren, dass eine Minderheit zur Verwahrlosung des öffentlichen Sprechens beiträgt. Wir können einen mutigen Gedanken in den Alltag übersetzen, auf allen Bühnen unseres Lebens: »Was wäre, wenn der andere Recht hat?« Das verändert schon viel.

Interview: Björn Achenbach

 

Weltausstellung Prinzenstraße: Glauben Leben
Im neuen Jahr lädt Mely Kiyak Theologen, Geistliche und Gläubige zum Gespräch in die Weltausstellung Prinzenstraße ein. Zum Auftakt am 29. Januar 2017 um 11:00 Uhr kommt die designierte Superintendentin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Dr. Petra Bahr ins Schauspiel-Foyer. Zwischen Februar und Mai gibt es vier weitere Folgen.

 

Dr. Petra Bahr
wurde in Lüdenscheid geboren. Sie war Referentin für Theologie, Recht und Kultur an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft und Lehrbeauftragte für Systematische Theologie und Ethik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. 2006 wurde sie die erste Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), bevor sie 2014 als Leiterin der Hauptabteilung Politik und Beratung zur Konrad-Adenauer-Stiftung ging. Am 1. Januar 2017 tritt sie das Amt der Landessuperintendentin der Ev.-Luth. Landeskirche des Sprengels Hannover an.

 

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