Gefährliche Liebschaften
Pressestimmen zu »Gefährliche Liebschaften«
Im Walzentakt
[…] In Jörg Mannes vom Premierenpublikum mit Begeisterung aufgenommener Bühnenversion sind Intrigantin und Verführer auf den ersten Blick als dunkle Mächte gekennzeichnet: Ihre schwarzen Trikots (Kostüme: Alexandra Schiess) heben sich ab von der scheinbar unschuldigen Masse, und auch ihre beiden Opfer sind leicht auszumachen: Die Keuschheit trägt Weiß, die Tugend Rot. Mannes zeigt ganz plastisch, dass die Merteuil von allen Frauen die stärkste ist: Cássia Lopes ist größer und muskulöser als die mädchenhafte Catherine Franco als Klosterschülerin Cécile oder als Karine Senecas Tourvel. Lopes Duette mit Denis Piza (Valmont) strotzen nur so vor kontrollierter Kraft: Mit gespannten Muskeln umkreisen sie einander langsam und lauernd, bis sie sich anziehen, und die Nähe explodiert. Diesem Paar ist niemand gewachsen. Am Ende können nicht einmal Valmonts Tod und die gesellschaftliche Ächtung der Merteuil ihre Macht brechen: Wenn sich der Vorhang senkt, ist die Bühne, die Mathias Fischer-Dieskau zuvor als Projektionsfläche für seine erhellenden poetischen Bilder genutzt hat, ganz erfüllt von einem unmoralischen Schwarz. Aus dem Verhältnis zu Merteuil bezieht Valmont seine diabolische Macht, mit der er auch Cécile erst vergewaltigen und dann doch noch verführen kann. Mannes macht aus der Szene eine brutale Variante des klassischen Pas de deux, bei dem Cécile erst Kleidung und Unschuld verliert und am Ende sogar freiwillig den Widerstand gegen den Angreifer aufgibt. Die äußere Klarheit der Szene, die die Romanhandlung leicht nachvollziehbar macht, gibt dem Choreografen genug Spielraum auch für viele verspielte Details. Hübsch anzusehen ist etwa das Duett zwischen Cécile und ihrem Fechtlehrer: Aus dem zunächst sportlich-aggressiven Übungskampf entwickelt sich eine zärtliche Romanze, in deren Verlauf der Fechtlehrer Liebesbriefe aus der Brusttasche zieht, als pflücke er Blüten aus seinem Herzen. Die junge Cécile spießt sie dann auf ihrem Florett auf. Am Ende des Abends gibt es eine abgedunkelte Variation dieser Szene: Diesmal ficht Valmont ein Duell mit einem Beschützer seiner Lieblingsfeindin Merteuil. Mannes zitiert die Zärtlichkeit, mit der er den Fechtkampf zuvor eingeführt hatte – nur gilt die Sehnsucht des Tänzers diesmal dem Tod: Valmont stürzt sich schließlich in die Waffe seines Gegners. Im Sterben übergibt er ihm die Briefe, die Merteuils Intrigen beweisen, und vernichtet damit auch sie. Plastisch und poetisch zugleich spiegelt sich die Handlung auch in der Musik von Mark Polscher, die der Komponist im Auftrag des Staatstheaters geschrieben hat. Polscher arbeitet mit verschiedenen Klangebenen, die zum Teil raffiniert überblendet sind. Fast unmerklich wird der Puls in der anfänglichen elektronischen Musik vom Band zum Grundtempo eines vom Staatsorchester unter der Leitung von Toshiaki Murakami live gespielten Streicherkonzerts von Vivaldi: In der Zusammenfügung von Polscher springt die Musik durch die Jahrhunderte und kommt dabei nicht einmal aus dem Takt.
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06.03.10 + Hannoversche Allgemeine Zeitung + Stefan Arndt +
Tanz den Valmont
Mit der Liebe spielt man nicht. Klarer Fall. Zwei Menschen versuchen es trotzdem – am Schluss ist der eine tot, der andere gesellschaftlich erledigt. Bis dahin sind im Opernhaus knapp zwei Stunden vergangen, und es sind merkwürdige zwei Stunden. Premiere von »Gefährliche Liebschaften«, der neuen Choreografie von Ballettdirektor Jörg Mannes.
Ein etwas anderer Tanzabend, wie schon rein visuell sehr schnell deutlich wird. Ein Steg kurvt rechts über den Orchestergraben bis in den Zuschauerraum, Projektionen erzeugen wechselnde Atmosphären. Und der Einstieg fürs Ohr ist eine Klanglandschaft mit Geräuschanteilen über einem bedrohlichen Pulsieren. Das gehört zu einer frisch komponierten Musik von Mark Polscher, intoniert vom Niedersächsischen Staatsorchester unter Toshiaki Murakami, teilweise eingespielt und ergänzt mit Live-Gesang der Mezzosopranistin Monika Walerowicz. Der Stoff beruht auf dem 1782 erschienenen Briefroman von Choderlos de Laclos. Die Marquise de Merteuil will sich an ihrem Ex rächen, dem Comte de Gercourt, und setzt deshalb den Vicomte de Valmont, einen anderen Verflossenen, auf Gercourts Braut Cécile an – mit seinem legendären Charme soll er die unschuldige junge Dame verführen. Merteuil und Valmont werden über ihrem fragwürdigen Spiel schließlich zu erbitterten Feinden. Das alles ist schon beim Lesen kompliziert genug, und im Tanz, der ja auf Strukturierung durch Sprache verzichten muss, wird es bestimmt nicht einfacher. So wirkt diese Premiere im ersten Teil denn auch anstrengend. Gerade diejenigen, denen die Handlung unbekannt ist, dürften sich schon mal fragen, wer da gerade aus welchem Grund hinter wem herjagt. Es lohnt sich aber, am Ball zu bleiben. Denn der Abend nimmt im weiteren Verlauf an Dichte und Intensität zu. Großartig das Aufeinandertreffen von Cécile und Valmont: Catherine Franco mit Mut zur Entblößung und in aller Verletzlichkeit sehr präsent, Denis Piza facettenreich als rücksichtsloser Verführer. Cássia Lopes in der Rolle der Merteuil entwickelt vor allem im Schlussabschnitt Konturen. Ein fieser Stoff, aber keine extreme Inszenierung. Dass Jörg Mannes die Neoklassik schätzt, wird durchaus deutlich, und die Musik überschreitet, elektronische Elemente hin oder her, nicht die Schmerzgrenze. Das Publikum spendet langen Applaus, entzückte Ausrufe und so manche Blume.
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06.03.10 + Neue Presse + Jörg Worat +
Ein Triumph der Tänzer
"Gefährliche Liebschaften" von Jörg Mannes
[…] Der Ballettchef zieht vier saftige Solorollen aus dem Briefroman von Choderlos de Laclos (1741-1803), 1782 anonym herausgekommen, und rankt darum das Geschehen um die Marquise de Merteuil. Unterfüttert wird der Ablauf von Musiken Vivaldis, Händels und für die Produktion komponierten Stücken von Mark Polscher (geb. 1961). Gegenwart und Historie durchdringen sich absichtsvoll in der Musik. Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau hat für Mannes die Fläche leer geräumt, hat sie mit einer Rampe über eine Hälfte des Orchestergrabens in die vordere Zuschauerreihe erweitert. An der Spitze, quasi auf dem Schoß des Publikums, vollziehen sich Kernmomente des Abends. Projektionen auf Wänden ermöglichen rasante, quasi filmische Szenenwechsel. Weiße Kostüme des Ensembles (Kostüme: Alexandra Schiess), stilisierte Barockröcke, Corsagen erzeugen eine eigentümlich zeitlose Atmosphäre, in der die Marquise ihre Fäden zieht. […] Cássia Lopes als Merteuil strahlt im intriganten Schwarz mit nackten, muskulösen Beinen und kurz gerocktem Bustier erotisch geladene Gefährlichkeit aus. Ihre suggestive Präsenz trägt auch über choreografisch dürre Momente, wenn etwa wiederholte hohe Battements die Inspiration ersetzen. Das Lavieren zwischen kühl geplanter Intrige und der Abhängigkeit von der Anerkennung der Gesellschaft, drückt Lopes mangels akzentuierter Bewegungen eher durch Blicke aus. In Dennis Piza als Valmont hat sie einen mehr als ebenbürtigen Partner. Piza, ebenfalls in Schwarz, verwandelt sich vom glatten Verführer zum Gescheiterten. Wenn Piza sich bei der Trennung von Tourvel windet und krümmt, wenn er im Duell mit Merteuils aktuellen Liebhaber, dem Fechtlehrer Dancency (Rubén Cabaleiro Campo), den Tod zu suchen scheint, erreicht er tragische Tiefe, weit über die technische Bewältigung der Rolle hinaus. Als Madame Tourvel muss Karine Seneca, rot gewandet, erst so etwas wie ihre Tugend zeigen, quasi trockenes Brot ohne Geschmack. Zu furioser Leidenschaft läuft Seneca im Pas de deux mit Valmont auf, sie überwältigt den überraschten Verführer nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Seneca verwandelt fulminant die brave Frau in ein erotisches Weib. […] Indem Mannes die Hauptrollen drei- bis vierfach besetzt, so dass in den folgenden Vorstellungen jeder mal drankommt, gibt er seinen Tänzern und Tänzerinnen reichlich lohnendes Futter zur weiteren Entwicklung: eine kluge, herausfordernde Ensemblepolitik. Komponist Mark Polscher hat geschickt dichte kammermusikalische Stücke eingefügt, elektronische Farben beigemischt, mit drängendem Rhythmus treibende Elemente eingebaut. Das kleine Ensemble unter Leitung von Toshiaki Murakami spielt knackig engagiert, Monika Walerowicz singt mit warmen Mezzo die Arien Händels und Vivaldis. Dankenswerterweise sind die Kompositionen im Programmheft in der Reihenfolge aufgelistet. Jörg Mannes hat einen saftigen Reißer kreiert, den anzusehen sich schon wegen der Tänzer lohnt […].
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06.03.10 + tanznetz.de + Ulrich Völker +