Klangbrücken-Festival - Wolfgang Rihm

Unter den Komponisten der Gegenwart ist Rihm zweifellos einer der produktivsten und vielseitigsten. Schon zu Beginn der 70er-Jahre erregte er mit seinen ersten großen Orchesterwerken Aufsehen, weil er sich damit deutlich von der materialorientierten Avantgarde distanzierte und zu einer neuen und zum Teil sehr heftigen Expressivität fand. Der neue Ton dieser Musik verletzte vor allem mit seiner unmittelbaren Emotionalität ein selbstauferlegtes Tabu der Avantgarde; er wirkte wie die Verunreinigung struktureller Autonomie, wie der Einbruch des Unreflektierten in das streng durchorganisierte Klangmaterial. Rihm wurde von der Musikpublizistik als Vertreter einer »Neuen Einfachheit« oder »Neoromantik« abgestempelt. Freilich sind solche Etikettierungen kaum geeignet, die Eigenart von Rihms umfangreichem und vielgestaltigem Schaffen, das nahezu alle Gattungen vom Solostück bis zum groß dimensionierten Orchesterwerk und zur abendfüllenden Oper umfasst, auch nur annähernd zu erfassen, zumal seine kompositorische Entwicklung immer wieder überraschende Wendungen vollzog. Dennoch ist in Rihms musikalischem Denken eine Konstante auszumachen, die alle seine Werke trotz ihrer Unterschiede bestimmt: das Verständnis von Musik als physisch erlebbare Energie, als Prozess, als Fluss, als ständige Verwandlung.